Therapeutischer Abschlussbericht

Der letzte Morgen. Die Reise endet, wo sie begonnen hat. Im Ehebett mit SU. Meine Augen brennen.

Obwohl es mein Wecker war, der uns sanft aus Orpheus´ Faengen befreit, gewinnt SU das Rennen zur Wasserstelle. Egoistisch duscht er den kompletten Frischwassertank leer. Das geht ja gut los. Als ich dann ins Bad komme, herrscht IMC mit Sichtweiten unter 5cm. Einen Spiegel gibt es nicht mehr. Die silberbedampfte Rueckseite hat sich in Luft aufgeloest. Dafuer kann man jetzt durch die klare Scheibe in das dahinterliegende „Spanner“-Zimmer schauen. Wie bei der ersten Ueberfahrt auch, sind wir vor allen anderen aufgestanden, um uns am Fruehstuecksbuffet nicht in den wogenden Menschenmassen zu verlieren. Selbst der Kapitaen schlaeft noch. Am Fruehstueckssaal werden wir abgewiesen. Commodore-Passagiere werden ein Deck hoeher im Bistro verkoestigt. Startzeit 07:30. Toll. Das geht ja gut los. Also warten wir noch mal 30min.

Dann oeffnen sich die Tueren zum Paradies. Ein tolles Buffet, viel zu wenige Menschen fuer viel zu viele Tische. Jeder kann einen Fensterplatz haben. Prima. Aber ich habe mich zu frueh gefreut. SU brennt das Paradies nieder, indem er mir in aller Ruhe den kochend heissen Kaffee nicht in die Tasse, sondern ueber meine Hand giesst. Da waechst jetzt nix mehr. Kein Epilierer dieser Welt koennte nachhaltiger arbeiten. Danach verplempert er noch einen halben Liter des schwarzen Goldes auf seiner Untertasse und der schneeweissen Tischdecke. Mit geballter Faust streiche ich ihm zaertlich ueber´s offene Haar. Das nennt man „positive stroking“. Den blauen Fleck gibt es gratis dazu. Der ist leider nicht nachhaltig.

Im Angesicht dieser Privatpatienten-Behandlung frage ich mich natuerlich, ob wir uns beim gestrigen Abendessen unnoetiger Weise in Gefahr fuer Leib und Leben begeben und mit der Menge gespeist haben. Und wie war das auf der Hinfahrt? Ein dunkler Schatten senkt sich ueber die gesamte Reise. Haben wir unwissend auf Sonderbehandlung „verzichtet“?

Beim Verlassen der Faehre bummelt SB wieder einmal herum. Waehrend SU schon in voller Montur zum MoFa stapft, marschiert unser SB ganz locker, noch in Fruehstuecksgarderobe gekleidet, auf das Sonnendeck, um das Anlegemanoever an der frischen Luft zu geniessen. Ich geh´ mal mit. Aus der 9ten Etage sehen wir, dass SB´s Kaffee von der Hinfahrt immer noch im Hafenbecken lebt. Nachdem wir das Boot ganz sanft an der Kaimauer eingeparkt haben, verlasse ich den Logenplatz, um mich auch zum MoFa zu begeben. SB verschwindet aus meinem Blickfeld. Eine Ewigkeit spaeter, alle Mopeten sind schon abgeleint, kommt er in aller Seelenruhe auch auf dem Parkdeck vorbei und bereitet seine BMW fuer die Abreise vor. SU hat seine Kasko-Erbse (Helm) schon seit genau dieser Ewigkeit am Kopf. Ich glaube, er schwitzt etwas darunter. Dann ueben alle, die MoFa´s an und wieder aus zu machen . Klappt. Moment, SB hat gefehlt. Gleich noch mal! Wer sagt´s denn? Schnell noch die Lenker von Links- auf Rechtsverkehr umbauen. Wir koennen von Bord.

In Holland ist Sommer. Und wir merken sofort, dass uns ueber Nacht nicht nur eine Stunde Lebenszeit geklaut wurde. Die Uhren wurden vorgestellt. Wir sind dem Aequator ein erhebliches Stueck naeher gekommen. Es ist tropisch warm. Die Quecksilbersaeule selbst schwitzt bei 19 Grad ueber Null. Wir fahren ohne Unterwaesche, nur in Lack und Leder! Das wird sich spaeter leider auch nicht als ideale Loesung erweisen. Besser waere der Griff zum Schottenrock gewesen. Denn die Temperaturen werden noch weiter ansteigen!

Wir bummeln auf der hollaendischen Autobahn Richtung Heimat. Und kaum, dass wir in Deutschland sind, gibt es nur noch Digital-Fahrer. Am Kreuz Oberhausen versuchen SU und SB wieder, sich davonzuschleichen. Sie hupen wie wild, um sich zu verabschieden. Nur meiner Aufmerksamkeit, ich fahre vorweg, ist es zu verdanken, dass die Gruppe nicht zum wiederholten male auseinandergerissen wird. Glueck gehabt. Zwischen Duisburg und Leverkusen machen wir an einer Raststaette Pause. Neben uns sitzt eine Familie mit kleinem Kind, ca 2 Jahre alt. Der kleine Sebastian spielt auf dem anliegenden Kletterspielplatz und macht jede Menge dummes Zeug. Das fuehrt leider dazu, dass staendig dieser Name faellt. Oh Mann. Wie soll ich das bloss aushalten? Sebastian hier, Sebastian da! Und der Kerl kann ueberhaupt nicht hoeren. Dafuer zuckt SU bei jeder Ermahnung zusammen. Das koennte allerdings auch daran liegen, dass Mama nur circa 10cm von seinem Ohr entfernt ihre Befehle und anerkennenden Ausrufe des Erstaunens in das Megafon bruellt. Sein Ohr ist schon ganz nass! Hier, hast´n Tuch zum Abwischen.

SB hat derweil ganz andere Probleme. Er versucht mit etwas Kettenreiniger den Geschmack von Scheisshausfliege von seiner Zunge zu spuelen. In seiner Goulaschsuppe con carne hat er leider neben dem vorgesehenen Fleisch noch eine Pferdebremse und eine gruenlich schimmernde Fliege mit Borsten auf dem Ruecken gefunden. Es handelt sich dabei um eine Schmeissfliege (Calliphoridae) der Gattung Lucilia. Aber ich glaube, diese Information ist fuer ihn im Moment wenig relevant. Beide Insekten sind aber nicht er kuerzlich in der Suppe „aufgetaucht“. Man sieht den sterblichen Huellen an, dass diese beiden schon gut durchgeschmort sind. Als Reparationsleistung erhaelt SB neben seinem Geld auch noch ein Taesschen Cappuccino. Aufgrund der vorhergegangenen Kontamination schmeckt dieser allerdings wie S100 Kettenreiniger. Wobei erwaehnt werden muss, dass S100 immer zu den Testsiegern gehoert. Er kann sich also im Grunde genommen gar nicht beschweren.

Kurz vor Frankfurt machen wir noch einen kurzen Stopp, um uns zu versichern, dass wir Helden sind und diese Fahrt einer Erleuchtung gleich kam. Dann verabschieden wir SB und sehen ihn wahrscheinlich nie wieder. Schluchz. Und dann wird es ernst. Der Stau ist unausweichlich. Wir stuerzen uns ins Kriegsgetuemmel auf der Autobahn und umfahren die ersten 20km gekonnt. Ab dem Frankfurter Kreuz gehoeren wir allerdings wieder zu den Protagonisten und muehen uns auf der fuer Motorradfahrer erst kuerzlich etablierten Rettungsgasse vorsichtig vorwaerts. Beim Verlassen der Faehre am morgen hatten wir unseren Frauen eine ETA von 17:00 gegeben. Um 16:59 fahre ich auf den Hof. SU eine Minute spaeter, also Punkt 17:00 auf seinen. Wir sind Helden! Also jetzt schon zum zweiten Mal. Die Geschichte wird sich an uns erinnern.

Rueckblickend betrachtet muss man sagen, dass wir wieder viel gelernt haben. Die Schotten sind unglaublich motorradfreundlich. Immer wieder haben wir Schilder am Strassenrand gesehen, die die Autofahrer dazu ermahnt haben, Motorradfahrer ueberholen zu lassen! Das Wetter in Schottland ist gar nicht so schlecht, wie man immer denkt. Zumindest dann nicht, wenn man einen SU dabei hat. Der hat in diesem Zusammenhang mal wieder sehr gute Arbeit geleistet. Auch wenn er bei der Wahl der Unterkuenfte nicht immer das gluecklichste Haendchen bewiesen hat. Allerdings muss man zu seiner Verteidigung sagen, dass wir durchaus anstrengende und sehr kritische Mitreisende waren. Schotten, so sie denn nicht Triumph fahren oder gefahren sind, sind sehr nette Menschen. Sie kommen sehr schnell ins Gespraech und geben sich wirklich Muehe, Englisch zu sprechen. Und wenn man nur lange genug durch das Land reist, dann kommt einem die Sprache vor, als waere es Deutsch. So passiert zum Beispiel im Restaurant in Stirling. Und ich glaube es klang nach Frankfurter Dialekt. Die Welt ist klein. Und deshalb sind wir auch schon nach sieben Tagen wieder zu Hause.

Gruppentherapeutische Zusammenfassung :

SB hat ein wenig zu viel gebummelt. Therapeutische Empfehlung: mehr Motorrad fahren!

SU hat ein wenig zu wenig gebummelt. Therapeutische Empfehlung: mehr Motorrad fahren!

SN hat alles richtig gemacht und eignet sich als hervorragendes Beispiel fuer weitere gruppentherapeutische Motorradtouren.

Vielen Dank fuer´s Mitlesen.

Abschluss folgt

Aufgrund von Stau und anderen Terminlichkeiten verzoegert sich das abschliessende Posting. Es wird aber im Laufe des Tages nachgereicht.

Chef sein- besser kurz, als nie

Der Tag beginnt um 07:13. Heute muessen wir puenktlich sein, weil die Faehre nicht auf uns warten wird. Ausnahmsweise packt SB sein MoFa schon vor dem Fruehstueck. Das wiederum faellt so ueppig aus, dass ich fuer 4 essen kann. Damit das nicht auffaellt, wechsele ich immer wieder den Sitzplatz. Cheerio, Miss Sophie! Unsere Gastgeberin merkt‘s trotzdem und grinst sich eins.

Ich sitze am Kopf der Tafel. Also bin ich der Chef. Die Rolle steht mir ausgezeichnet. Mein Volk ist zufrieden.


War das eben auch schon da?

Hier, auf diesem Platz, schmeckt’s ganz anders!

Toll.

Ich glaub, ich hab‘s etwas uebertrieben. Mein Volk hat aufbegehrt und mich entmachtet. Jetzt muss ich ganz am Ende sitzen.

Genau nach Zeitplan sind wir abfahrbereit. Kann losgehen.

Aber nicht bevor wir noch den Landy fotografiert haben.

Das Wetter ist super. Allerdings kommt von Westen eine Schlechtwetterfront, die uns vor sich her treibt. Bummeln ist also nicht drin. Trotzdem erlaubt SU sich einen boesen Scherz und trickst mich aus. In einem Kreisverkehr taeuscht er links an und faehrt dann doch im Kreis weiter. Die linke Fussraste bereits am Asphalt, spuckt mich der Kreisel aus. Wenden nicht moeglich! Also fahre ich bis zum naechsten Roundabout und verliere SU und SB aus den Augen. Als ich zurueck komme, ist der Kreisel leer. Oh mein Gott. Ich bin allein. Ich weiss nicht, wo ich bin. Ich kann die Landessprache nicht. Keiner kennt mich. Keiner weiss, wo er mich abgeben muss. Ich bin ein Aussaetziger, verstossen von der Gesellschaft. Ich werde den Rest meines Lebens in diesem Kreisverkehr wohnen. Es war ein schoenes Leben. Schluchz.

Ich fasse mich. Geistesgegenwaertig und abgeklaert ueberpruefe ich mit meinem Positionsortungsgeraet den aktuellen Aufenthaltsort der beiden Fluechtigen. Sie muessen sich zu Tode aengstigen, ohne mich. Denn ich gebe ihnen Halt. Das iPhone lokalisiert sie nur einen Kreisverkehr entfernt. Dort kauern sie orientierungslos am Strassenrand und warten auf Rettung. Ich komme schon. Hilfe naht. Es ist zum Glueck nichts passiert. Dumm nur, dass das Wetter diese Verzoegerung genutzt hat, um aufzuholen. Weiter geht‘s. Nur um kurze Zeit spaeter schon wieder von SU reingelegt zu werden. Oh Mann. Beim ersten mal war’s ja noch lustig. Aber jetzt? Wir haben doch keine Zeit!

Ab nun keine Maetzchen mehr. Wir biegen ab … und stehen vor einem riesigen Schild, das darauf hinweist, dass die Strasse in nur wenigen Meilen komplett gesperrt sein wird. SU bekaspert in seiner Funktion als Routing-Beauftragter den weiteren Streckenverlauf mit SB. Sie kommen zu einer erstaunlichen Entscheidung. Wir fahren auf dieser Strasse weiter. Das wird kein gutes Ende nehmen. Alle 500 yards steht ein Schild am Rand, das ueber die Sperrung informiert. Roter Hintergrund, weisse Schrift. Allerdings nicht so gross, hoechstens 2x1m. Kann mann schon mal uebersehen, 10 mal. Und tatsaechlich ist die Strasse dann irgendwann gesperrt. Wer haett’s gedacht? Das kam jetzt unerwartet. Ein U-Turn loest das Problem und wir fahren wieder zurueck. Hatte ich erwaehnt, dass wir etwas unter Zeitdruck stehen?

Der Rest der Fahrt ist ereignislos. Die Strassen Nordenglands koennen es einfach nicht mit den Highlands aufnehmen. Zwar faehrt man hier inmitten von gruenen Wiesen, gesaeumt von Hecken und Steinwaellen. Aber es ist zu viel Verkehr unterwegs. Und die Abstaende zwischen den Ortschaften sind zu kurz. Einfach gesagt, hier ist zu viel Zivilisation.

An der Faehre achten wir dieses mal darauf, SB nicht zu verlieren. Kein leichtes Unterfangen. Er will schon wieder Kaffee holen gehen. An Bord richten wir uns haeuslich ein und tapezieren schnell unsere Commodore Suite.

Danach sind wir leicht verschwitzt und erfrischen uns, einzeln und nacheinander, mit einer Dusche. SU kommt mit Jeans aus dem Bad. Er hat mit Hose geduscht. Als ich mich unter die Dusche stelle, weiss ich auch warum. Das Wasser ist eiskalt. Da haette ich mir auch was angezogen. Aber ich kenne einen Trick und stelle das Wasser auf warm. Super. Allerdings gibt es noch ein weiteres Problem. Anscheinend hat unser Boot bergauf geparkt. Das Wasser fliesst mit grosser Geschwindigkeit in Richtung Tal. Ich muss mich festhalten, um nicht fortgespuelt zu werden.

Passt!

Auf der oberen Couch duerfen maximal 3 Personen sitzen. Mindestens zwei davon muessen angeschnallt sein!

Wir machen schnell noch unseren obligatorischen Sicherheitscheck.

Aufmachen! Polizei!

Der Letzte macht das Licht aus, hat meine Mama immer gesagt. Also mache ich das Licht aus. Drei mal. Kann losgehen, jetzt.

Und dann geht‘s schlafen. Morgen gibt‘s hoffentlich Fruehstueck ans Bett.

Super Wetter

Der Tag beginnt mit einem tollen Fruehstueck. Nur nicht fuer SU, SB und SN. Und fuer die anderen Gaeste wohl auch nicht. Am Nachbartisch schmiert sich ein aelterer Herr sein Toastbrot direkt auf der Tischdecke. Teller waren aus. Ein Fruehstuecksbuffet suchen wir vergebens. Es stehen lediglich ein paar Schalen mit Cerealien auf einem ansonsten leeren aber riesigen Sideboard. Wir werden zum Tisch geleitet. Freie Platzwahl gibt es nicht. Die mit Hussen verkleideten Stuehle sind recht niedrig, selbst bei meiner Koerpergroesse, und zwingen uns mit ihren seltsam positionierten und nicht verstellbaren Sitzkissen in eine ungewoehnliche Position. Am ehesten zu vergleichen ist das mit der Sitzhaltung von Kleinkindern auf dem Toepfchen. Ein junger Mann bringt uns die Fruehstueckskarte. Die faellt recht uebersichtlich aus. So wie auch mein „Full Breakfast“!

SU fragt sich durch seine Wunschliste um auf alles die selbe Antwort zu bekommen: „I am afraid, we have not.“ Dann die Frage der Fragen, aufgespart bis zum Schluss. „Do you have fruits?“ Die Antwort kenn ich schon! Die ist aber nichts gegen das Gesicht, das unser junger Freund macht. Als haette er in eine saure Zitrone gebissen. Fruechte? In seinem Muesli findet er dann tatsaechlich zwei Rosinen und freut sich darueber, dass die beim Ausleseprozess anscheinend uebersehen wurden.

Als ich mit meinem Gepaeck aus dem Haus komme, traue ich meinen Augen nicht. SU hat einen Freund gefunden. Bei naeherer Betrachtung faellt allerdings auf, dass es sich um einen Polizisten handelt, der sogar einen Schreibblock in der Hand haelt und Notizen macht. SU wird ausgequetscht wie eine heisse Zitrone. Es ist naemlich eingebrochen worden. Aus dem Buero und der Bar sind Dinge entwendet worden, darunter ein paar sehr teure Flaschen Wishky. Von SB wissen wir, dass eine Flasche allein leicht GBP1000,- an Wert erreichen kann. Moment mal, wo ist der eigentlich? Und war ihm nicht gestern Abend, bei unserer Heimkehr, ein Glas Whisky verwehrt worden? Die Tuer geht auf und SB kommt bestens gelaunt heraus, die Taschen seltsam ausgebeult. Besser nicht fragen, unauffaellig bleiben. Unverbindlich laecheln.

SU gibt einen kurzen Wetterbericht. Ab Mittag wird‘s trocken. Dann Super Wetter. Bis dahin troepfelt es nur ein bisschen. Regenklamotten koennen erst mal im Koffer bleiben. Das Briefing kommt mir bekannt vor. 10min spaeter fahren wir im stroemenden Regen und warten darauf, dass endlich ein Unterschlupf zum Umziehen vorbeikommt. Wir werden bitter enttaeuscht.Nach knapp einer Stunde bei 8 Grad im Regen sind die Unterhosen mit Eiswasser vollgelaufen. Komisch, dass nichts mehr rauslaueft! Und damit das auch so bleibt, kommen jetzt die Regenklamotten drueber. Viereinhalb Stunden Regen, mit wechselnder Intensitaet. Das ist der Grund, warum der Rasen hier so gruen aussieht. Trotzdem macht das Fahren Spass. Die Wolkenfetzen zwischen den Bergen geben fantastische Motive ab.

Zum ersten mal auf dieser Reise stelle ich am Bordcomputer den Regenmodus ein. Das fuehrt zu deutlich verminderter Leistung und sanfterer Gasannahme, bei Reduktion des maximal zulaessigen Schlupfes fuer Einsaetze unter Wasser. Ausserdem wird die Federung von Offroad auf Comfort geaendert. Dadurch wird fuer den Fahrer der Terrainfollowing-Modus deaktiviert. Waehrend SU und SB in jeder Senke abtauchen, gleite ich oberhalb des Transitionlevel sanft uber die Piste.

Kurz bevor wir das heutige Etappenziel erreichen, kommen wir an eine T-Kreuzung, von der es in alle Richtungen staut. Ein paar Zivilisten regeln den Verkehr. Kurze Zeit spaeter ist der Krankenwagen da. Der Rettungshubschrauber landet fast zeitgleich. Beim Vorbeifahren sehen wir das Drama. Es ist ein Motorradunfall. Die restlichen 30min Fahrzeit ist es still in meinem Kopf. Das will verarbeitet werden.

Bei Ankunft an unserem B&B trifft mich fast der Schlag. Wir sollen in einem Schuppen schlafen? Zum Glueck ist das nur das Haus der Pfoertnerfamilie. Ueber einen von Baeumen gesaeumten Schotterweg fahren wir auf Powis Manor vor.

Vor der Tuer der obligatorische Land Rover Defender. Der erinnert mich an das Modell aus „Shaun, das Schaf“. Die Tuer oeffnet sich, und unsere Gastgeberin empfaengt uns mit einem freundlichen Laecheln. Perfekt.

Die Lounge.

Wir beziehen unsere Zimmer und lassen uns nach einer erfrischenden Dusche ein paar Restaurants empfehlen. Und wir werden sogar auch noch hingefahren, leider nicht mit dem Defender. SB faehrt mit dem MoFa. Er muss naemlich dringend zum Arzt. Zum Glueck wird er geheilt und mit einem Sack Medikamente wieder auf freien Fuss gesetzt. Die knapp vier Kilometer zurueck laufen wir, also SU und SN. Seit Polen 2017 bin ich ganz Anderes gewoehnt.

Dass SB uns halbnackt auf dem Flur empfaengt, haben wir jedoch nicht ahnen koennen. Das macht mich fertig.

Erst mal sitzen! Dann schlafen!

Aber vorher zeige ich SU noch mein Badezimmer.

Echtholz, wie im ganzen Zimmer!

Nanu, was ist das denn? Hat SU auch. Beim ihm ist‘s, um das Licht an zu schalten. Also ziehe ich dran. Passiert aber nix. Doch, oben an der Decke leuchtet was rotes. War das vorher auch schon? Und es klingelt irgendwo im Haus. Es hoert gar nicht mehr auf. Oh, verdammte Wurst. Das war wohl die Reissleine fuer Notfaelle!? Warten wir jetzt, bis die Gastgeberin ins Zimmer gestuerzt kommt? Oder tun wir was? Wir tun was und warten gespannt, ob es weiter klingelt. Ja, tut es. Wir suchen eine alternative Lichtquelle und versuchen uns an einer Ferndiagnose. Die Strippe endet naemlich erst in fuenf Metern Hoehe in der Decke. So weit reichen meine Augen nicht. Am Ende zieht SU noch mal mit Schmackes an der Leine. Das Kind ist sowieso schon in den Brunnen gefallen. Und siehe da, das Licht geht an. Das klingel ist weg. Ein Blick auf die Uhr sagt, dass es herade die volle Stunde ist. Und unser Gehoer verraet uns im Zusammenhang mit dieser Tatsache, dass es sich um eine Wand- oder Standuhr mit mechanischem Aufziehwerk handelt.

Anscheinend ist es Zeit fuer‘s Bett. Gute Nacht.

Einmal Himmel und zurueck

12 Stunden zuvor…

Bei der letzten Uebernachtung war leider kein Fruehstueck enthalten. Es gab allerdings die Moeglichkeit diesen Fehler fuer 18,-GBP pro Person auszugleichen. Das erschien uns fuer die Gegenleistung von zwei verkohlten Scheiben Toast und halb garem Bacon doch etwas ueberteuert. Die Grenzen der kulinarischen Leistungsfaehigkeit der Kueche durften wir ja gestern beim Diner schon kennenlernen. SB hatte dann die Idee, EIN Fruehstueck auf’s Zimmer liefern zu lassen und gemeinsam Picknick zu veranstalten. Gesagt getan. SN’s Zimmer wurde kurzerhand zur Event-Location ernannt, alle Kaestchen auf der Bestellkarte mehrmals angekreuzt und dann am Tuerknauf fest verzurrt. Als Lieferzeit war 07:30-07:45 markiert worden. Fruehestmoeglicher Zeitpunkt waere 06:00 gewesen. Das wird noch wichtig.

Heute… 07:30

SU und SB gehen mir seit 30min auf die Ketten und schicken abwechselnd im Minutentakt Anfragen, ob das Fruehstueck schon da sei. Nein, ist es nicht. 07:40 SB: „Ruf mal den Kellner an und mach Rabatz!“ Ich waehl mir die Finger wund, aber niemand geht ans Telefon. Dann ruf ich halt mal bei der Rezeption an. Oh, der Kellner wohnt an der Rezeption. Geht immernoch keiner ran. Dann muss ich wohl mal runter. Und ich hatte gehofft, ich koennte bis zur Abreise in meinem Schaf (Superman-Anzug aus Merinowolle) bleiben. Also schon mal komplett in Schale werfen und ab zum Fahrstuhl. Die Rezeption ist nicht besetzt. Eine kurze Ewigkeit spaeter taucht jemand auf und fragt, was mein Begehr sei. Ich erklaere mein Anliegen und weise darauf hin, dass der Slot inzwischen verstrichen ist und weder eine Slot Cancellation Message noch ein Change Request eingegangen waeren. Seine Antwort ist so einfach wie bloed: „No breakfast will be served before 08:00.“ Es ist 07:59, Bloedmann. Ich habe fuer 07:30 bestellt. Ich erklaer‘s ihm noch mal kurz: „Ich habe Haken gemacht bei Null-Sieben-Drei-Null“. Die Antwort: „No breakfast will be served before 08:00.“ Na dann aber flott, ist ja gleich 08:00! „Yes it will be prepared immediately!“ Na gut, dann geh ich wieder hoch, und gleich geht’s los. Von nun an widersprechen sich die SMS von SU und SB. Warten vs Abbrechen, schon mal Kaffee kochen vs Canceln. Mir reicht’s. Nachdem ich vor wenigen Minuten am Front Desk noch Balett gemacht habe, greife ich jetzt zum Hoerer und cancele das Fruehstueck.

Auf dem Weg zum Auschecken kommt mir unser rothaariger Ober vom Vorabend entgegen, beladen mit einem uebervollen Fruehstueckstablett. Ich hoffe, dass das auf mein Zimmer geht, und dass er bis nach oben laeuft, bevor er’s merkt. An der Rezeption werde ich vorsaetzlich nicht danach gefragt, ob alles zu meiner Zufriedenheit gewesen ist. Dafuer ist die Zimmerechnung ca 60,-GBP hoeher als erwartet. Moment, da stimmt doch was nicht. Doreen, 60+, guckt unbeteiligt, unternimmt aber nichts. Ich tanze ihr die Restaurantrechnung vom Vorabend vor. Sie nimmt meine Darbietung gelangweilt zur Kenntnis und kramt in der Vorabend-Restaurantrechnung—Box und findet den Beleg. Ja, da scheint wohl jemand die falschen Daten drauf geschrieben zu haben. Sie war’s anscheinend nicht. Sonst wuerde sie sich ja sicher im Namen des Hotels entschuldigen.

Wir haben die Nase voll und machen uns auf den Weg zur Isle of Skye. Das Wetter koennte uns allerdings noch einen Streich spielen. Deshalb tanzt SU noch schnell einen Regentanz. Und das Wetter haelt. Wir fahren heute zum groessten Teil Strassen, die nur einspurig sind. Die Fahrbahn ist zum Teil so schmal, dass selbst Motorraeder sich nur langsam passieren koennen. Neben uns starren wir in den Abgrund, der Strassenbelag ist abenteuerlich bis gefaehrlich. Es ist genial.

Pausen muessen auch sein. Und so kommen wir an einen netten Spot, der nur mit einer kurzen Offroad-Einlage zu erreichen ist. SB und SN wischen SU‘s Sicherheitsbedenken vom Tisch. Los geht‘s. In der 189-Grad-Schotterkehre bei ca 25% Gefaelle kommt mir bei rutschendem Vorderrad erstmalig der Gedanke, dass SU gar nicht so Unrecht hatte. Wie Recht, das wird sich spaeter zeigen. Auf jeden Fall hat es sich gelohnt und wir sitzen mitten im gruenen an einer alten rostigen Eisenbahnbruecke. SU kann mit seiner Drohne spielen. Und die beiden Anderen koennen etwas entspannen.



Fertig. Es geht schon wieder los. SU hat die tolle Idee, uns beim Bergauffahren zu filmen. SB faehrt problemlos bis nach oben. Ich verreisse meinen Auftritt und bleibe auf halber Hoehe, mitten in der Kurve „haengen“. Das gibt Abzuege in der B-Note. Nicht so schlimm, denke ich. Aber leider haelt die Mopete sich nicht am Hang und rutscht auf dem Schotter, trotz gezogener Bremse, eine halbe Radlaenge zurueck. Schoener Mist. Aber SB kommt zu meiner Rettung und hilft mir aus der Misere. Wenigstens habe ich mich nicht auf die Nase gelegt. SU dagegen faehrt eine Bilderbuch-Kuer und bekommt trotz angespannter Miene nur Bestnoten von der Jury. Applaus. Ich bin am Boden zerstoert. Kurz darauf treffen wir an einem Aussichtspunkt auf Touristen aus der Heimat von SB und SU. Deutsch klingt anders. Mein Uebersetzungscomputer stuerzt ab. Ich bin raus. Von jetzt an nur noch laecheln, keine aktive Beteiligung am Gespraech mehr moeglich. Weiter.

Nachdem wir uns eine gefuehlte Ewigkeit an der extrem kurvenreichen Kuestenstrasse berauscht haben, erreichen wir Applecross. Hier ist ein riesiger Strand mit ebenso riesiger Wiese davor. Es geht eine steife Brise, und wir sind angehalten. Ich darf endlich meinen Lenkdrachen/ Kite auspacken und damit herumfliegen. Ja, wir haben nur die wichtigsten Sachen eingepackt: Drohne, Badehose, Kite, eine Rolle Klopapier, feuchtes Toilettenpapier, Kettenspray, Visierputztuecher, …

Bis zum heutigen Ziel ist es jetzt nicht mehr weit. Nur der Pass ueber die Berge und etwas Reststrecke trennen uns jetzt noch von unserem Abendessen und dem Hotelbett. Es geht bergauf. Die Temperaturen fallen, der Wind nimmt bestaendig zu. Kurz vor dem hoechsten Punkt fahren wir in die Wolke ein und sind im Himmel. Wegen der CATIII-Bedingungen ist jetzt aber nichts mehr zu erkennen. Sichtweite liegt bei unter 100m. Und, anders als bei CATIII ueblich, weht ein stark boeiger Wind, der das Fahren auf der schmalen Strasse zur Herausforderung macht. Nach ein paar Minuten verlassen wir die Wolke nach unten, ohne auch nur feucht geworden zu sein. Der Ausblick ist fantastisch, allerdings nicht unbedingt fuer schwache Nerven geeignet. Ein tolles Erlebnis. Ich frage mich, wer ausser uns, wirklich einen sinnvollen Grund haben koennte, diese Strasse zu fahren. Eine klare Empfehlung fuer alle MoFaFahrer. Die letzten 30min der heutigen Etappe fuehren ueber deutlich breitere und kurvenreduzierte Strassen. Das gibt uns Gelegenheit, Blutdruck und Puls wieder einzufangen

Im Hotel werden wir von einer aelteren Dame, ca 60+, empfangen. Sie macht einen vornehm zurueckhaltenden, britischen Eindruck. Nachdem wir eingecheckt haben und mit unserem Gepaeck in der Hand auf die Treppe steigen, sieht SU, wie sie sich eins grinst. Verdutzt fragt SU, ob sie ueber uns lachen wuerde. Ihre Antwort:“You have crappy motorbikes!“ Ich dachte, ich haette mich verhoert. Habe ich jahrelang eine sinnvolle Bedeutung von “crappy“ uebersehen? Wir fragen besser noch mal nach. Die Antwort bleibt die selbe. Und sie hat schon einen ganz roten Kopf, so amuesiert ist sie. Unseren Gesichtern entnimmt sie den Wunsch nach Aufklaerung. Und die folgt prompt. Miss 1,60m zieht ihrer linken Aermel hoch und praesentiert an ihrem Unterarm ein ca 10cm hohes Tattoo der Motorradmarke Triumph. Wir sind sprachlos, sie amuesiert. Wir lassen uns nichts anmerken, fragen uns aber, ob unsere MoFas hier wirklich sicher sind.

SU sagt, dass es in diesem Hotel spukt. Das wird dann sicher SB sein, der keinen Whisky* mehr bekommen hat. „I‘m afraid the bar is not open on sundays.“ Gute Nacht.

PS: Ein anonymer Leser, danke Dirk, gab uns den Tipp, dass Whiskey anstelle von Whisky einen riesigen Unterschied macht. Zumidest fuer einen Schotten, der wohl niemals auf die Idee kaeme, einen amerikanischen Whiskey zu trinken!

Heute ist ihr erster Tag

Aufgrund mehrerer Nachfragen zum Lehr-Beitrag ueber die Schafpopulationen moechte ich mich selbst kurz ergaenzen. Die Bezeichnung „schwarzes Schaf“ stellt keine Diskriminierung dar, da es sich nicht um die Benennung der Zugehoerigkeit zu einer speziellen ethnischen Gruppe handelt.

Heute kehren wir Aberdeen den Ruecken und machen uns auf den Weg in die Highlands. Christopher Lambert ist leider nicht zu Hause. Also fahren wir beim Sommersitz der Queen in Ballater vorbei. Unsere Antraege auf Adoption durch die Koenigsfamilie werden leider allesamt abgelehnt.

Und das, obwohl wir vorher noch Etiquette geuebt und Schuhe geputzt haben.

Ob es daran liegt, dass SB eine BMW faehrt? Vielleicht liegt’s aber auch an seinem Bewerbungsfoto.

SB hat alles versaut. Er reisst uns mit in den Abgrund.

Und deswegen muss er beim Picknick auch allein in der Ecke sitzen!





Danach fahren wir, bis die Sonne untergeht. Schier endlose Kurven reihen sich in nicht enden wollender Vielfalt aneinander. Ich kann bald keine Kurven mehr sehen. 😉

Die Kurven haben mich derart angestrengt, dass ich erst einmal eine entspannende Massage brauche. Der Therapeut bestaetigt meine Befuerchtung, dass ich total verspannt bin. Die Massageliege haelt derweil jede Menge interessanter Fakten fuer uns bereit. Zum Beispiel, dass das mit 670m die hoechste zivil nutzbare Strasse ist und hier regelmaessig Tiere gejagt werden, um das Oekosystem zu schuetzen. Ja, das haben wir schon bemerkt. Es lagen sehr viele tote Hasen und Fasane auf den Strassen. Sogar ein Waschbaer lag am Strassenrand. Genauso einer, wie auf der Ostseetour! SU glaubt sogar, es sei der selbe. Aber das Einzige, was die beiden gemein haben, ist ihr Gesundheitszustand … tot. Ich mag‘s ihm nicht sagen. War letztes Jahr schon so ein Drama. Aber daran scheint er sich nicht erinnern zu koennen. Aber Sonntags wird nicht gejagt!

So, jetzt geht‘s wieder!

Oops, da faehrt die Polizei. Ich dachte, keine Jagd am Sonntag. Ach klar, ist ja Samstag. Besser mal abtauchen. Koennte sonst Aerger geben.

Nicht mehr lang und wir sind am Ende der Welt angekommen. Das Hotel sieht von aussen wenig spektakulaer aus. Aber drinnen erwartet uns eine Atmosphaere, wie man sie aus alten englischen Filmen kennt. Empfang, Salon, Reastaurant. Wunderbar. Das wird toll! Und die Zimmer sind phantastisch.

19:15 treffen wir uns zum Essen. Ein grosser runder Tisch mit Blick auf die noch geschlossene Whiskey-Bar bietet sich fuer unser Dinner geradezu an. Der Ober, ein netter rothaariger junger Mann, kommt auch direkt auf uns zugestuerzt. Er versucht, uns die Getraenkebestellung abzuringen, noch bevor unsere Hintern die Sitzpolster der bequemen Stuehle erreichen. Das geht ja flott. Kurz darauf haben wir die Speisekarte in mehrere Sprachen uebersetzt und unsere Wahl getroffen. Der Ober nimmt unsere Wuensche hoeflich entgegen. Das geht auch flott. Prima. Nach 10min kommt das Besteck und die Schale mit den Saucen/ Dips. Nach 30min fragen wir mal vorsichtig nach den Getraenken. Moeglicherweise waren die so schnell, dass wir sie nicht gesehen haben. Bloede Idee. So war‘s natuerlich nicht. Dafuer bemueht eine junge Dame sich sehr, unser Gourmeterlebnis zu verbessern, indem sie alles, was bisher fuer den zukuenftigen Verzehr der noch zu erwartenden Speisen bestimmt ist, abzuraeumen beginnt. Unser Hinweis, dass wir noch nichts gegessen haben, bleibt zunaechst ungehoert. Nach wiederholter und intensiver Ansprache gibt sie ihre Bemuehungen auf und erklaert mit franzoesischem Akzent, dass heute ihr erster Tag sei. Und danach fragt sie, was sie fuer uns tun kann. Mir faellt direkt was ein. Zum Beispiel mal unsere Sachen auf dem Tisch stehen lassen. Freundlich laechelnd verschwindet sie.

Irgendwann ist dann auch das Essen mal da. Warten und warten lassen. Eine Offenbarung ist es dennoch nicht. Ich bin enttaeuscht. Trotzdem versetzt mich die Atmosphaere eines alten royalen Herrenclubs in die Stimmung, mal einen “White Russian“ zu ordern. Der Herr Ober ist ueberfordert, bietet aber an, mit dem Barkeeper Rueckspraxhe zu halten. Ergebnis … negativ! Dann bitte mal die Longdrink-Karte! Ergebnis … negativ. Wir haben keine. Oh Mann.

SB ueberlegt derweil, welchen Whiskey er bestellt. Der Hinweis, dass einige der edlen Tropfen mit einem exklusiven Preis einhergehen, ist vom Ober sehr umsichtig, fuehrt aber zwangsweise zur Frage, von welchen Betraglichkeiten denn da so die Rede waere. Der Herr Ober ist jetzt nicht mehr nur an den Haaren rot. „Darueber kann die Whiskey-Karte Auskunft geben. Ich hole die mal.“ Fuenf Minuten spaeter laeuft er mit einem Teller voller Essensreste hinter uns lang. Sein Auftrag ist laengst vergessen, das Gesicht wieder entspannt.

Allerdings macht Mademoiselle den Fehler zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Neiiiin! SB weist darauf hin, dass er schon seit laengerem auf die Karte wartet. Mademoiselle fragt, was fuer einen Whiskey er denn haben wolle. Nein, nix Whiskey, erst mal die Karte. Bitte! „Ooooh, aber wir haben gar keine Whiskey-Karte.“ Doch, ihr Kollege hat gerade erklaert, dass es eine gaebe. „Oh, Entschuldigung. Das ist mein erster Tag heute.“ Sie will sofort den Chef fragen, der soeben hinter der Bar hervorkommt. „Chef, Chef, …“ Er geht einfach an ihr vorbei. Direkt hinterher geht der Chef-Chef. Auch direkt an ihr vorbei. Arme Mademoiselle. SB greift sich den Chef-Chef selbst.

Endlich gibt‘s Whiskey. Und morgen ist ihr naechster erster Tag. Der Tag ist gelaufen. Unser auch.

Ungefaehr vielleicht

Wer sich darueber gewundert hat, dass die Texte im gestrigen Blog immer kuerzer wurden, dem sei gesagt, dass das Internet nicht hier erfunden wurde. Dafuer aber das Warten. Immer schoen ein Bit nach dem anderen, single file. Da ist es nicht verwunderlich, dass mein mobiles Blogging Endgeraet die exorbitanten Latenzzeiten immer wieder als Verbindungsabbrueche interpretiert hat und abgeschmiert ist. Koennte man zwischendurch ja auch mal speichern! Klar, kann man. Funktioniert aber leider nach dem gleichen Prinzip und war noch anfaelliger fuer totalen Datenverlust als das normale Arbeiten. Nach gefuehlt zehnmaligem Neuschreiben und Editieren des Beitrags und einer Investition von 3h hatte ich dann gegen 02:17 die Lust verloren und wollte nur noch schlafen. Die Stunde Zeitgewinn von der Faehre war dahin. Wir sind hier ja quasi mit deutscher Winterzeit unterwegs, eine Stunde hintendran. Da lohnt sich doch das Warten. Ich bitte das zu verzeihen.

Aber kommen wir zum heutigen Tag. Wenn man mit dem Motorrad moeglichst viele Hoehenmeter und gleichzeitig auch noch viele Kurven abarbeiten will, dann ist man zwischen Edinburgh und Aberdeen genau richtig. Trotz nur geringfuegiger Hoehendifferenz von Start- und Endpunkt unserer heutigen Etappe, haben wir gefuehlt mehr Hoehenmeter als nach Mercator auf die Karte projizierte Distanz ueberwunden. Und das liegt daran, dass die Strassen hier jeder Bodenwelle der Landschaft folgen. Und wenn es mal droht zu lange auf dem gleichen Niveau zu verweilen, dann wurde einfach kuenstlich eine Senke angelegt, um einen moeglichst natuerlichen Strassenverlauf zu simulieren. So kommen dann schnell mal 4000 Hoehenmeter zusammen.

Kurven hat das Navigationsgeraet auf den ersten 100km nur in Form von Kreisverkehren ausgegeben. Und diese Roundabouts wurden uebrigens nicht, wie von mir bisher angenommen, von den Franzosen erfunden. Nein, das waren die Briten. Leider hat der Ausdruck „round about“ mehr als nur eine Bedeutung. Zum einen handelt es sich um den bekannten Kreisverkehr, aber auch „ungefaehr“ bietet sich als durchaus passende Uebersetzung an. Die Strasse fuehrt ungefaehr nach Aberdeen. Man faehrt also ungefaehr geradeaus, oder aber auch ungefaehr um die Kurve. Es ist zum Heulen.

Eine aehnliche Verwechslung scheint auch die Ursache dafuer zu sein, dass auf der Insel nur Falschfahrer unterwegs sind. Der erste Mensch, der hier jemals damit beauftragt wurde, ein Strassenverkehrsschild zu installieren, litt entweder unter einer Links-Rechts-Schwaeche oder hatte nur UNGEFAEHRE Angaben zur Positionierung des Schildes. Und jetzt haben wir den Salat. Fuer eine Nachbesserung ist es zu spaet, die Garantie abgelaufen. Aber zum Glueck ist das hier wie Fliegen im oder oberhalb des Transitionlevel. Alle sind mit dem gleichen Fehler unterwegs. Und dann ist es auch schon wieder egal.

Und da gibt es noch einen Mythos, den es aufzuklaeren gibt. Schloesser wurden nicht von ABUS erfunden. Auch dafuer sind die Briten verantwortlich. Hinter jeder Ecke lauert ein neues Schloss oder eine Burg. Bei zwei habe ich aufgehoert zu zaehlen.

Immerzu nur rennen. Ich dachte, wir waeren zum MoFaFahren hier. Und warum muessen die Dinger immer auf‘m Berg stehen?

Und noch etwas gibt es hier im Ueberfluss … Schafe! Aber gemaess der allgemeinen Erwartung, sind die Schafe doch in Irland erfunden worden. Hier haben die Briten einfach nur IHR Schaf geklont. Dass es hinterher Probleme mit der Registrierung und Verwaltung geben wuerde, hat wohl niemand bedacht. Sehen ja auch alle identisch aus.

Zur groben Unterscheidung werden die maennlichen Tiere blau, die weiblichen Tiere rosa markiert. Das wirft allerdings die Frage auf, ob Schafe hier in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben (duerfen). Wir haben naemlich, bis auf wenige Ausnahmen, nur „einfarbige“ Populationen gesehen. Ausserdem gibt es neben blau und rosa auch noch andere Farben, zum BeIspiel gelb und gruen. Aber die Erklearung ist genauso einfach wie genial. Dabei handelt es sich um Transgender-Schafe. Die unterschiedlichen Farben fuer die Tiere ergeben sich aus ihrem urspruenglichen Geschlecht vor der Hormontherapie. Und dann waeren da noch die schwarzen Schafe. Dabei handelt es sich um Aussaetzige, Outlaws, Randfiguren der Gesellschaft, Kriminelle. Ueblicherweise werden sie getrennt von den anderen in gesondert gesicherten correctional facilities untergebracht. Der Zugang ist streng ueberwacht. Immer wieder aber findet man einige dieser schwarzen Schafe auch in ganz normalen Populationen. Das sind Resozialisierungsmassnahmen, die bisher mit unterschiedlichsten Erfolgen durchgefuehrt wurden. Fuer eine langfristige Prognose zum Ueberleben dieses weltweit einmaligen Pilot-Projektes ist es zum jetzigen Zeitpunkt aber leider noch zu frueh.

PS: Beim Versuch, das gruppendynamische Verhalten mit SU’s Drohne zu dokumentieren, war die Herde leider unerwartet, dafuer aber sehr dynamisch vor der Bedrohung gefluechtet. Da die Erde aufgrund unserer Perspektive, wir standen unterhalb der Schafe, hinter dem Huegel zu Ende war, gingen wir zunaechst davon aus, dass alle Tiere am Rand heruntergefallen waren. Es war totenstill. Aber nur circa fuenf Minuten spaeter standen alle Tiere mit geloeschtem Kurzzeitspeicher wieder an ihren Plaetzen, als waere nichrs passiert. Creepy! Niemand wurde verletzt, Verhaltensstoerungen konnten nicht nachgewiesen werden. Und es waren genauso viele Tiere wie vor dem Event. Wir haben nachgezaehlt, ungefaehr.

Aberdeen ist im Vergleich zu Edinburgh nur wenig attraktiv. Um nicht zu sagen haesslich. Bei unserem Ausflug zum Diner in die Innenstadt zeigt uns Ranjit, unser pakistanischer Taxifahrer, beim zweimaligen Umrunden des Stadtkerns, den kuerzesten Weg. Das Restaurant setzt uns wegen fehlender Reservierung gleich wieder vor die Tuer. Und wir sind hungrig. Uns ist kalt. Wir sind allein. Wir sind in einem fremden Land. besser gesagt, wir wissen gar nicht, wo wir sind. Aber wir geben nicht auf. Wir finden ein neues Restaurant, dessen man uns auch sofort wieder verweisen will. Aber SU laechelt charmant den Platzanweiser an, der uns daraufhin den Weg in den versteckt liegenden geheimen Geheimraum hinter dem Tresen weist. Wir haben es geschafft, wir gehoeren dazu. Wir sind im Kreis des Vertrauens angelangt. Wir sind quasi Einheimische. Allerdings stroemen die einheimischen Einheimischen durch den Haupteingang des Geheimraumes herein, der auf der anderen Seite des Hause liegt. Und nicht so wie wir, durch den Postboteneingang. Welch eine Schmach. Wir sind weiter von sozialer Akzeptanz entfernt als am Tag unserer Abreise in Mittelhessen. Aber das Essen ist lecker. Und wir sind nicht nachtragend. 60min spaeter rollen wir mit gefuellten Baeuchen durch den Haupteingang hinaus. Wir sind wieder obenauf.

Mit unserer frisch zurueckerlangten sozialen Identitaet machen wir uns auf einen Fussmarsch in die City, um zu sehen, ob Aberdeen auch schoene Seiten hat. Unterwegs kaufen wir noch ein paar Kleinigkeiten fuer das Familipicknick ein. Als wir wieder aus dem Supermarkt herauskommen, ist die Sonne untergegangen. Und Aberdeen ist schoen geworden. Nachdem das geklaert ist, marschieren wir zum naechsten Taxistand und steigen zu Marcy in‘s Taxi. „Ah, you‘ve been doing some shopping!?“ Nein wir sind nicht auf Hochzeitsreise. Wir sind zu dritt, Maenner, verheiratet. Da ist nix dabei! „Ah, so where do you want to go?“ Adresse rausgekramt, angesagt. Marcy hat leider kein Navi und kramt in ihrem Gedaechtnis. Zur Erklaerung schieben wir noch „It‘s a B&B (bed and breakfast)“ hinterher. Die Antwort ist deutlich: „Ah, it’s the one with the massive pink front door. Barbie pink. I know it by the door!“ wir nicken lautlos. Was soll man dazu noch sagen? Dass mir ein Vogel auf die Schulter geschi…. hat, ist dann auch egal.

Die Insel

Was fuer eine wunderbare Nacht. Wie Babies werden wir sanft in den Schlaf gewiegt, oder doch gewogen? Das Schiff rollt leise von links nach rechts und wieder zurueck. Waehrend SU und SN um die Laengsachse schlingern, wird SB wie eine Blutkonserve um die Querachse rotiert. Er schlaeft naemlich quer zur Fahrrichtung, auf der Besuchercouch. Das fuehrt dazu, dass sowohl sein Kopf als auch die Fuesse, im stetigen Wechsel zwischen Flut und Ebbe, abwechselnd mit Blutleere und -schwemme zu kaempfen haben. Der vermeintliche Luxus eines Einzelbetts wird zur lebensgefaehrlichen Falle. Ausserdem hat SU die Commodore Suite auf der falschen Seite gebucht.

Ab ca 04:00 morgens scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht. Und das, obwohl ich noch nicht mal auf der Fensterseite liege. Dort schnorchelt SU genuesslich im Schatten der hohen Bordwand unterhalb der hohen Fensterbretter und bekommt nichts vom gleissenden Licht der Sonnenstuerme mit, die mich unbarmherzig aus dem Schlaf reissen.

Dafuer werde ich mit diesem Anblick entschaedigt. Die Kinder schlafen noch und sind endlich mal ruhig. Kein Zeter, kein Mordio! Leise schleiche ich mich unter die Dusche und leere langsam den Frischwassertank. Die Jungs werden wohl mit Salzwasser Zaehne putzen muessen. Danach geht‘s ab zum Fruehstueck. Die Gaenge sind noch menschenleer.

Das Fruehstueck wird sich gleich als wichtigste Mahlzeit des Tages herausstellen. Denn SU fuehrt mich auf der Suche nach unseren Motorraedern auf einer schier endlosen Odyssee ueber mehrere 100 Hoehenmeter, hoch und runter, viele Male vom Bug zum Heck des Schiffes und wieder zurueck, um dann auf Deck 8 mit vollem Gepaeck, haengender Zunge und Schweissraendern unter den Armen durch den Essenssaal zu marschieren. Erreicht haben wir damit nichts. Gar nichts! Wir landen naemlich am Treppenhaus in Level 8, nur circa 10m von unserer Kabine entfernt. Der Wunsch, sich schnell noch mal auf das frisch gemachte Bett zu legen, wird zur fixen Idee.

Ja, wir haben die Betten gemacht, auch wenn SU rumgenoergelt und SB sich mit diesem Foto spaeter darueber lustig gemacht hat. Ordnung muss sein.

Eine Ewigkeit spaeter sind wir an unseren Mopeten, schweisueberstroemt. Aber gluecklich. Die Maschinen werden abgeleint.

Und ich sortier schnell noch mal um, da mir die Startreihenfolge so nicht wirklich gefaellt.

Derweil laesst SB ein Parkdeck ueber uns die beruechtigte AEquatortaufe ueber sich ergehen und trinkt bei einer Runde Bingo Bruederschaft mit den Berserkern, von denen wenigstens einer mit Kruecke zum Motorrad gehumpelt kommt. Bei der Gelegenheit erfaehrt er, dass das MoFa Baujahr 1943 ist und aus WWII Bestaenden ist. Lag ich also gar nicht so verkehrt.

Erwartungsgemaess verlassen SU und SN die Faehre als erste und muessen … warten. Das gibt Gelegenheit fuer eine erste Inspektion englischen Rasens.

Toll.

Das Wetter ist super. Und nur 3h spaeter rollt unser Kollege heran, nachdem wir schon Freundschaft mit allen anderen Faehrgaesten geschlossen haben, die uns beim Verlassen des Hafengelaendes mitleidig zugewunken haben.. Kurz nochmal die Rundenzeiten fuer heute festgelegt und das Verhalten im Kreisverkehr diskutiert, und schon kann‘s losgehen. 500m, erster Stau. Super. Egal, bis zum naechsten Kreisverkehr stehen wir uns vorwaerts. Und weiter geht‘s. Naechster Kreisverkehr links raus. Komisch, Norden waere rechts gewesen. Der nette Schrankenwaerter an der Mautstation ist so nett, uns einen Schleichweg zu zeigen und die Schranke zu oeffnen. Aber jetzt. ??? Dejavu, in diesem Stau waren wir doch gerade. Aber die Statisten wurden zum Glueck ausgetauscht. Klasse. Das gibt Abwechslung. Und wir koennen noch mal Kreisverkehr ueben.

Unser erstes Schloss. Obwohl hier niemand wohnt, verzichten wir aufgrund der hohen zu erwartenden Heizkosten auf den Erwerb und fahren nach kurzer Pause weiter.

Doch auch das zweite kann nicht restlos ueberzeugen, obwohl Parkplatz am Haus ist und die Aussicht wirklich nichts zu wuenschen uebrig laesst.

Auf dem Weg zum Mittagessen teilen wir das Meer und fahren trockenen Fusses durch die sonst ueberspuelte Strasse. Da wir leider nur ein begrenztes und nicht nach hinten verlaengerbares Zeitfenster fuer die Rueckkehr haben, entscheiden wir uns fuer eine Nahrungsaufnahme mit Rueckkehroption.

Um 15:30 wird die Strasse nicht mehr da sein. Aber bis dahin geniessen wird die Fahrt ueber den Strand!

Naechster Halt, ein kleines idyllisches Fischerdorf mit Hafen. Wir nehmen uns die Zeit fuer einen Kaffee und einen Tauchgang.

SN findet auch sofort ein tolles Motiv, das ihn nicht mehr loslaesst.

Und er muss der Sache natuerlich auf den Grund gehen. In dem Aufzug gar kein Problem.

Na, was gefunden??? Noe, natuerlich nicht. Hatte ja den Helm nicht auf!

Es geht schon wieder los

Nachdem das Pulitzer Preiskommitee meine journalistischen Leistungen waehrend unserer Studienreise um die Ostsee sehr positiv bewertet und die Objektivitaet und Aktualitaet meiner Berichterstattung in besonderem Masse gelobt hatte, war es am Ende die geringe Anzahl fotodokumentarischer Inhalte, die eine Nominierung im letzten Jahr nur knapp verhinderte. Daran soll es dieses mal nicht scheitern.

SU hat zu diesem Zweck eine voll autonome mobile Foto-Einheit mit vier Propellern im Gepaeck. Ob und wie diese zum Einsatz kommt, ist noch ungewiss. Aber „dabei ist alles“, um dieses beruehmte Zitat mal leicht zweckentfremdet zu verwenden. Ueberhaupt haben wir dieses mal darauf geachtet, keinen unnoetigen Ballast mitzunehmen. Nicht zuletzt, um Gewicht zu sparen. Dafuer haben wir aber ein zusaetzliches Besatzungsmitglied mit an Bord genommen. Der junge Mann, im weiteren Verlauf SB genannt, ist Teil der dunklen Vergangenheit von SU. Wir fragen also besser nicht genauer nach.

Auf nach Schottland! Wie auch das letzte mal, ist SU fuer das Wetter zustaendig. Bisher hat‘s gut geklappt. Kein Tropfen Regen, dafuer Sonnenschein. Abfahrt bei knapp 5 Grad ueber Null. Am Flughafen intercepten wir SB, der gedankenversunken auf der rechten Spur dahinduempelt. Das nenn ich mal perfektes Timing. Auf den Stopp an der urspruenglich als Treffpunkt vereinbarten Raststaette mag SU aber trotzdem nicht verzichten, nur um festzustellen, dass wir nach EHAM zur Faehre fahren. SB‘s Tankvolumen ist mit ca 300km Reichweite recht ueberschaubar. Daher ist der erste Tankstopp nicht weit.

Bei dieser Gelegenheit stellen wir fest, dass SB seine Fahrzeugpapiere zu Hause gelassen hat. Ueberhaupt scheinen da ein paar Sachen zu fehlen. Dass er BMW faehrt macht die Sache nicht besser. Ich hoffe, dass uns das nicht spaeter noch auf die Fuesse fallen wird.

Unser erster Stopp zur Nahrungsaufnahme fuehrt uns in ein hollaendisches Oekofood-Restaurant. Der Bestellautomat mag mich und mein Plastikgeld aber nicht. Ich muss also am Tresen ordern. Auch gut. Es gibt frittierte Kartoffelstreifen an Salat und Hacksteak mit Sesam-Weizenbrot. Lecker. Spaeter erfahre ich, dass ich die Karten nicht an der Seite durchziehen sondern unten in den Schlitz haette stecken sollen. Dann haette es vielleicht auch mit dem Bezahlen funktioniert.

Das Fahren in Holland ist sehr entspannt. Bis zur Faehre sind es nur noch 100km. Das liegt damit aber auch leider schon im Grenzbereich der Reichweite der BMW. An der Tankstelle muessen wir festellen, dass BMW keine Angaben zum Gesamtfassungsvermoegen der Tanks seiner Motorraeder macht. Oder verschweigt SB uns da irgendetwas? Egal. Das Faehrterminal ist gleich um die Ecke. Mit einem guten Zeitpolster rollen wir entspannt auf die Check-In Haeuschen zu. Waehrend SU und SN umweltbewusst Stueck fuer Stueck in der Warteschlange voranschieben, faehrt unser neues Crewmitglied jede Einzeletappe helmlos mit wehender Maehne. Als wir uns so nach vorne warten, naehert sich eine Gruppe Gesetzloser mit infernalischem Laerm dem Terminal. Es ist schwer auszumachen, ob die Maschinen aelter sind oder deren Fahrer. Klar ist jedoch, dass diese Motorraeder noch aus dem Originalbestand von Rommel‘s Wuestenarmee stammen.

Check in geschafft, warten auf‘s Boarding. In Wuesten-Tarnfleck und sandfarben lackiert und gekleidet walzen sich die Berserker voran. SB fluechtet unter dem Vorwand, einen Kaffee holen zu wollen. Just in dem Moment, wo er mit dem Heissgetraenk wieder zurueck ist, beginnt das Boarding. Fluchend trinkt er den Kaffee halb aus, halb schuettet er ihn ins Hafenbecken. Endlich wird mir klar, warum das Wasser in allen Haefen immer so dreckig ist. SU und ich fahren jedenfalls schon mal an Bord. SB bremst derweil mit seiner Koffeinsucht die Berserker aus und wird aufgrund der Verzoegerung auch noch von uns getrennt. Wir verzurren ordnungsgemaess unsere Mopeten und fixieren sie sicherheitshalber noch mit Schnellkleber. Das dauert etwas, ist aber sicher. Hinter uns senkt sich die Rampe. SU ist natuerlich wieder schneller als ich und bietet sich einer MoFaFahrerin galant als Verzurrgehilfe an, obwohl er keine Ahnung hat. Ihr Mann allerdings auch nicht. Der kaspert naemlich kopflos an seiner Mopete herum. Auf dem oberen Parkdeck kaempft SB um sein Leben. Von Angst getrieben dauert das Verzurren seiner BMW nur zehn Sekunden. Dafuer ist er als erster auf dem Zimmer und kann bei unserer Ankunft ohne Spickzettel den Inhalt der MiniBar aufzaehlen.

Nach einer erfrischenden Dusche, allein und nacheinander, ueberpruefen wir die Sicherheitsvorschriften auf dem Boot und vergeben unser Guetesiegel.

Finde den Fehler! Ja, der faehrt rueckwaerts.

Nachdem das Lotsenboot rueckwaerts eingeparkt hat, geht‘s los. Wir verlassen Europa.

Good bye, Zivilisation.

Hin und wieder zurück – von SU

Am 15. September brachen zwei Ossis auf, die Welt zu entdecken. At least a part of it.
Sie schnappten sich ihre fahrenden Holzöfen, bepackten sie mit allerlei Kram, ließen ihre Familien im geordneten Chaos hinter sich und begannen ein kleines Abenteuer.
Nun – gut zwei Wochen später sind sie wieder zurück und haben eine Menge zu erzählen.

Zu Anfang glaubten nur recht wenige Menschen daran, dass diese Reise überhaupt stattfinden würde. Nur unsere beiden Abenteurer waren stets guter Dinge und zweifelten keinen Augenblick daran, dass etwas Schönes geschehen kann. Einen nicht kleinen Anteil am Gelingen der Reise hatten dabei ihre Ehefrauen, die stets und ständig hinter ihnen standen und keine Zweifel aufkommen ließen.

Um es vorweg zu nehmen, die Reise war ein voller Erfolg. Auf ihrem Weg um die Ostsee wurden unsere Reisenden von vielen Menschen begleitet. Zum einen waren da die begeisterten Leser des Reisetagebuchs, das mit viel Mühe und Kreativität hauptsächlich von einem der beiden Freunde liebevoll verfasst worden ist. Einige der Fans wissen nun nicht, was sie des Abends im Bett oder am Frühstückstisch nebenbei lesen sollen, geschweige denn worüber man sich den ganzen Tag auf der Arbeit so austauschen soll.

Zum anderen trafen unsere Reisenden einige sehr nette Menschen unterwegs. Oft auf ihr Schlachtross, den zurückgelegten oder noch vor ihnen liegenden Weg angesprochen, fanden sich unsere Freunde schnell in interessanten Gesprächen mit Einheimischen oder ebenso Weltreisenden wieder. Da war zum einen der Russe Viktor, der an der russisch-finnischen Grenze jemanden suchte, mit dem er sich über Russland, Holzöfen oder Spritpreise unterhalten konnte. Oder eine Gruppe Asiaten, die ihrem Hobby der Selbstfotografie freien Lauf ließen und unsere Abenteurer wie eine Attraktion in fremdem Gewandt auf Zelluloid brannten.

Der Art der Kommunikation war dabei keine Grenze gesetzt. Viele Europäer waren des Englischen mehr als mächtig, manche sprachen sogar die Germanische Sprache. Selbst die Unterhaltung mit eingefleischten Russen stellte sich nicht als große Hürde dar, denn einer der beiden Reisenden, SN, war in der Lage, alte Russischkenntnisse in brauchbare alltägliche Floskeln umzusetzen. Zur Not halfen Hände und Füße.

Die Reise durch die verschiedenen Länder der Europäischen Union hinterlässt einen durchweg positiven Eindruck auf mich. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich ehemalige Ostblockstaaten zu florierenden Ländern mit eigener Kultur, aber durchweg hohen Standards in Sachen Lebenshaltung und -qualität entwickelt haben. Die technische Entwicklung scheint so zügig voran zu gehen, dass sogar Old Germany langsam aufpassen muss, nicht den Anschluss zu verlieren, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich komme nicht umhin zu behaupten, ich bin ein noch größerer Befürworter einer Europäischen Union geworden. Uns allen sollte es wichtig sein, noch enger zusammen zu rücken, allen Mitbürgern gleiche Chancen zu ermöglichen, ein gleiches Bildungsniveau zu schaffen und eine Zukunft zu gestalten, die unseren Kindern ein gutes und friedliches Leben ermöglicht.

Zurück zu den Protagonisten. Unsere beiden Freunde bekamen auch einen kurzen aber eindrucksvollen Einblick hinter den eisernen Vorhang. Obwohl man munkelt, dass es diesen nicht mehr gibt, wurden sie schnell vom Gegenteil überzeugt. Zweimal russische Einreise und zweimal Ausreise hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Sofort hinter der Grenze eröffnet sich eine Welt, die sich von der gewohnten, heimischen Welt stark unterscheidet. Die Menschen, die Fahrzeuge, die Straßen, Häuser und Fabriken, selbst die Natur sind russisch geprägt, und das nicht im positiven Sinn. Auch wenn man es sicher nicht verallgemeinern kann, wirkt diese Welt sehr bedrückend und man wird sehr vorsichtig mit dem, was man so von sich gibt. Alte Geschichten aus vergangenen Tagen über Spione und Geheimorganisationen spielen dabei eine Rolle. Selbst die Maus, die in einem russischen Hotel auf einen der beiden Abenteurer traf, hatte Angst davor gefasst zu werden und zog es vor, schnell wieder zu verschwinden.
Aber auch diese Episode gehört zu unserem Abenteuer und wollte erlebt werden.

In toller Erinnerung bleibt den beiden Helden die unendliche Weite Skandinaviens. Stundenlang durch riesige Wälder mit Kiefern und Birken zu fahren, brennt sich tief in das Gedächtnis ein. Keine einzige Minute haben sie die heimischen Kurven vermisst, auch wenn die Reifen nach 7000 Kilometern gerader Straßen erste Kanten aufweisen. Einem Außenstehenden ist das Gefühl schwer zu vermitteln, das man zu Ross hat, wenn man über den Asphalt gleitet, den Elementen ausgesetzt ist und den Gedanken freien Lauf lassen kann. Die Zeit vergeht leider wie im Flug.

Jeden Abend verbrachten unsere Freunde an einem anderen Ort. Oft im Hotel, manchmal im Zelt. Und gerade die Übernachtungen im Zelt bleiben lange in Erinnerung. Speziell der spontane Ausflug an den nördlichen Polarkreis nebst Übernachtung im Zelt und Lagerfeuer am Abend werden sie wohl nie vergessen.

Mit einem großen Sack voller Erinnerungen und Fotos sind unsere beiden Reisenden gesund und munter zurück in der Heimat. Nach dem Motto „Nach der Reise ist vor der Reise“ gilt es nun, die dunkle Jahreszeit zu überstehen und in die Planungen für die nächste Saison zu starten.

In diesem Sinn verabschiede auch ich mich und bedanke mich sehr für die vielen lustigen Nachrichten und bei SN, für die tolle Arbeit als Wingman und Geschichtenschreiber.