Schiebung

Heute fahren wir endlich zur Hohen Tatra, besser gesagt, einmal um die Hohe Tatra drum herum. Ich freue mich riesig. Aber die Freude haelt nicht lange an. Zu meinem Leidwesen muessen wir die MoFas um das Riesengebirge herum schieben.

Am Ende des Tages werden wir in gut 9 1/2h gerade einmal 362,1km gekommen sein. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,7km/h. Damit kann man nicht mal bei der Tour de France punkten.

Ein Touristenort reiht sich an den anderen. Parkplatzsuchende Autos blockieren die Strassen, genauso wie fusslaeufige Touristen. Die Menschenmassen waelzen sich durch die Orte und machen alles platt, was in ihrem Weg liegt. Der maximale Abstand zwischen aufeinanderfolgenden Fussgaengerueberwegen betraegt 25m. Das ist zu wenig, fuer meinen Geschmack. Menschen sind‘s zu viele, fuer meinen Geschmack. Die atmen alle die Luft weg. Und davon ist hier oben sowieso schon zu wenig vorhanden. Flucht nur bedingt moeglich, da man mit dem Fahrzeug weder vor noch zurueck kommt. Ein Motorrad ist aktuell nicht wirklich von Vorteil. Der Mob ist gefaehrlich. Eine falsche Aktion, und wir sind Mode. Um es mal freundlich auszudruecken.

Die Suche nach einem ruhigen Plaetzchen gestaltet sich schwierig.

Endlich haben wir eins gefunden und atmen durch.

Leider nicht lange, denn es geht schleppend weiter. Irgendwann muss der Touristenspuk doch mal ein Ende nehmen. Wir haben Donnerstag. Und hier sieht‘s aus wie in Mekka waehrend des Haddsch, wenn 2,5 Mio Muslime die Kaaba umrunden.

Wir naehern uns der polnischen Grenze. Ja, ein Teil der Hohen Tatra liegt in Polen. Und hoffen auf etwas Entspannung. Vergebens. Auch hier stehen Maenner mit Signalwesten am Strassenrand und wollen uns einwinken. Aber wir wollen nicht parken, sondern fahren. Verdammt. Mein Spritverbrauch ist schon so stark reduziert, dass ich Angst bekomme der Tank koennte bei der Hitze ueberlaeufen.

Die Temperaturen sind inzwischen unertraeglich hoch. Und Mutti hat sogar noch lange Unterhosen und ein Langarmshirt an. T-Shirt oben drueber. Ich habe nur meinen Bikini unter der Kombi. Und mir laeuft das Wasser in die Stiefel, wie der Amazonas in den Regenwald.

Zakopane, bekannt als polnisches Wintersportzentrum, erwartet uns. Meine Hoffnung auf gemaessigte Temperaturen wird bitter enttaeuscht. Die auf ein schnelles Fortkommen ebenso. Im Schritttempo „schieben“ wir unsere Motorfahrraeder den Berg hinauf. Das tut uns nicht gut. Und der Motortemperatur auch nicht. Fehlender Fahrtwind, fehlende bzw. reduzierte Kuehlung. Das wiederum fuehrt zu erhoehter Hitzebildung im Bereich zwischen Knie und Bauchnabel. Die heisse Luft vom Motor muss ja irgendwo hin. Feuerstuhl ist ebenso Name wie Programm. Und die Lendchen sind inzwischen gut durch, nicht zuletzt wegen der tollen Marinade.

Wir entfliehen der Zivilisation und biegen rechts ab.

Das Panorama sprengt meinen Ereignishorizont. Mehr Natur geht nicht. Das Sitzen in der ersten Reihe bringt allerdings nicht nur Vorteile mit sich. Wenn man genau hinsieht …

… faellt auf, dass das exzessive Herumlungern in unseren Premium Fernsehsesseln einen runden Ruecken macht. Das sieht so aus, wie ein Dackel beim Kacken.

So, Geschaeft erledigt.

Wir koennen weiter.

Besser gesagt, wir wollen weiter. Die Hohe Tatra lassen wir hinter uns und freuen uns auf unberuehrte Landstrassen im Nirgendwo, die uns zu unserer heutigen Unterkunft bringen, einer Schule. Es sind nur noch 60km. Aber Inge, unsere Navigationsbeauftragte, vermeldet noch 2h Fahrtzeit bis zum Ziel. Da stimmt doch was nicht. Oder Inge luegt.

Ich geb‘s ungern zu. Aber Inge hat nicht gelogen. Die letzten 60km reiht sich ein Dorf an das naechste. Selten stehen die Ortsschilder weiter als 1000m auseinander. Meist sind sie sogar am gleichen Pfosten befestigt. Und die Doerfer sind lang, seeeehr lang. Wenn dann doch mal 5km dazwischen liegen, dann wird gerne im Off ein 50-Schild an die Landstrasse gestellt. Ja, man kann auch mal im Wald 50 fahren. Ich hab die Nase voll. Von den vielen Baustellenampeln will ich gar nicht erst anfangen. Die sind immmer rot! Wer liebt, der schiebt.

Vollkommen erschoepft kommen wir an der Unterkunft an, einer Grundschule. Hatte ich, glaube ich, schon erwaehnt. Wir klingeln an der Tuer … keiner da. Wir schleichen uns hinten rein. Keiner da. Nur eine Mutter huscht veraengstigt mit ihrem kleinen Jungen an uns vorbei. Im Keller regt sich was. „Guten Tag, wir haben eine Reservierung.“ Der Direktor schaut uns streng an. Wer wir denn ueberhaupt seien. Nachdem das geklaert ist, zeigt er uns das Zimmer zum Nachsitzen. Es ist riesig.

Und das ist mein Klassenzimmer.

Ich melde mich als erster.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer. Ich weiss was.“

Die Antwort war leider falsch. Also muss ich unter der Treppe schlafen, wie Harry Potter.

Gute Nacht


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