Das Glas ist leer

So, heute ist letzter Expeditionstag. Das Glas ist sozusagen leer. Das heisst, rauf auf den Bock. Und ab nach Hause.

Aber leer heisst nicht kaputt. Man kann ja jederzeit nachgiessen. Alles in Allem war es mal wieder eine sehr schoene Tour. Obwohl ich feststellen musste, das Mutti einen sehr leichten und empfindsamen Schlaf hat. 😉

Wie man unschwer erkennen kann, haben wir ca 3650km abgespult. Ich zumindest. Mutti tanzt mal wieder aus der Reihe. Sie hat nur ca 3500km geleistet. Keine Ahnung, wie sie das schon wieder hinbekommen hat. Aber das kennen wir ja seit der Ostsee-Tour. Bei einer Durschnittsgeschwindigkeit von 64km/h haben wir ca 56:33h im Sattel in Bewegung verbracht. Das macht pro Tag ca 06:20h reine Fahrzeit. Folgerichtige Erkenntnis: Wir sind Helden. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Tour von keiner der vorhergehenden Expeditionen. Spass hat´s gemacht. Und wir hoffen, dass unsere Leser ebensoviel Spass beim Lesen hatten wie wir beim Fahren.

Hier nochmal ein kurzer Ueberblick ueber die Strecke:

Bis zur naechsten Expedition,
Mutti & Vader

PS: Los, guck in die Kamera!

Nein, ich bin traurig!

Keine Broetchen

Der Tag beginnt fuer Mutti um 00:00. Draussen findet naemlich eine Party statt. Geschaetzt 100 polnische Jugendliche stehen auf unserem Balkon. Zumindest hoert es sich danach an. An Schlaf ist kaum zu denken. Als es dann mal ruhig wird, schleiche ich mich auf die Toilette. 60sec spaeter ist Mutti wach. Der Klodeckel ist der erste seit 5 Tagen, der keine pneumatische Absenkautomatik hat. Das stand nicht dran. Die einzige Information, die ich hatte, war eine Banderole mit der Aufschrift „Zdezynfekowany“. Mich trifft also keine Schuld.

Kurz darauf geht die Party weiter. Ich glaube, ich habe sie alle wieder geweckt. Aber ich uebernehme keine Verantwortung.

Am Morgen sieht Mutti, dass alle Aschenbecher der umliegenden Balkone ueberquellen. Das erklaert auch, warum wir diese Nacht keine Probleme mit Muecken hatten. Die sind alle vor dem Fenster zu Tode gekommen.

Beim Beladen und Verzurren der Mopete wird Mutti von schraeg hinten links angebaggert. Ein netter Endfuenziger steht mit entbloesstem Oberkoerper auf dem Balkon im dritten Stock und ruft Ihr etwas zu. Aber der Wind verblaest alles. Ausserdem kann Mutti ja auch gar kein Polnisch. Jegliche Annaeherungsversuche sind demnach von Vornherein zum Scheitern verurteilt.

Kurz darauf sitzen wir am Fruehstueckstisch. Marika und Dominika flitzen von Tisch zu Tisch, machen aber einen grossen Bogen um uns. Wir sind derweil auf der Suche nach Broetchen. Es sind keine da. Dafuer aber Brotscheiben von ca 10cm Dicke. Auch nicht schlecht. Braucht man nicht so viel Aufschnitt mitnehmen. Man schafft ja sowieso nur eine Scheibe. Aber dafuer gibt es Weihnachtsplaetzchen/ Pfeffernuesse. Die muessen ja auch mal gegessen werden.

Auf einmal stuerzt ein aelterer Herr auf Mutti zu und zeigt ihr sein Handfunkgeraet. Ihre Antwort darauf: „2021“. Was bitte hat das zu bedeuten? Hab ich was verpasst? Anscheinend ja. Und der Kerl zieht mit einem zufriedenen Laecheln ab. Es war der Typ vom Balkon. Mit Oberbekleidung und von dichtem war er zehn Jahre aelter. Und die Frage zur Antwort? Das Baujahr der BMW. Langweilig! Mutti hingegen macht sich ploetzlich Sorgen, ob ihr MoFa bei der Abreise noch da sein wird.

Ich entdecke Spiegeleier to go. Eine tolle Erfindung. Nach meiner Scheibe Brot bin ich aber so satt, dass ich nichts mehr herunterbekomme. Also nehme ich das Spiegelei mit, als Notfallration. Mutti marschiert nach dem Fruehstueck direkt zum Parkplatz. Inzwischen gibt’s auch Broetchen. In mehreren Koerben, sogar in mehreren Etagen.

Ich muss noch meinen Helm holen und auschecken. Mit den Schluesselkarten in der Hand stelle ich mich an die Rezeption. Angieszka telefoniert. Lange. Und ich stehe da, mit meinem Ei in der Hand. Die Leute gucken schon doof. Aber Agnieszka hat Zeit. Zum Glueck hab ich fuer den Versorgungsnotfall vorgesorgt. Geschafft, ich kann endlich raus zu Mutti. Los geht‘s.

Unterwegs treffen wir einen Einheimischen. Er soll ein Foto von uns beiden machen.

Dass wir uns inzwischen so aehnlich sehen, war mir bisher gar nicht aufgefallen. Hmm, irgendetwas ist da schief gelaufen. Mutti muesste doch eigentlich groesser sein, als ich.

In Petrovice, an der Deutsch-Tschechischen Grenze erreichen wir gerade noch unseren Flieger.

Beim Boarding kommen mir allerdings Zweifel, ob die Wahl der Airline nicht haette mit etwas mehr Sorgfalt stattfinden sollen.

Wir nehmen erst einmal Platz.

Als der Pilot 5min nach EOBT immer noch nicht da ist, entscheiden wir uns fuer eine bodengestuetzte Weiterfahrt. Mutti hat naemlich noch einen Termin.

Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Kongresshotel.

Leider taucht die Kursleiterin nicht auf. Mutti ist sehr enttaeuscht. Sie hatte sich schon so lange auf diesen Kurs gefreut. Und meine Pause ist damit auch futsch. Hatte schon ein nettes Café in der Naehe gesehen.

Auf der anderen Seite verschafft uns das etwas Luft, um in dem Lokal vorbeizuschauen, das Mutti vor ein paar Tagen geflutet hatte. Bei dem Versuch, ueber Kopf haengende Tassen mit Kaffee zu befuellen.

Erwartungsgemaess war das schief gegangen. Dabei wurde allerdings fast der gesamte Jahresvorrat an Kaffeebohnen verarbeitet. Als wir ankommen muessen wir feststellen, dass das immer noch Auswirkungen auf den Tagesbetrieb hat. Der Kaffee ist weiterhin knapp. Und so muessen die Gaeste stundenlang auf eine Bedienung warten. Wir uebrigens auch. Aber die Wasserschaeden sind fast vollstaendig behoben. Noch ein wenig neue Farbe. Und alles ist perfekt.

Perfekt ist auch die Lage unseres letzten Hotels.

Gute Nacht

Sport ist Mord

Bevor wir heute morgen aus dem „Grundschul-Hotel“ auschecken, muessen wir schnell noch unseren Abschluss machen. Mir gelingt das auf Anhieb, magna cum laude natuerlich. Mutti muss leider zwei mal antreten und bekommt deshalb noch 1h Deutschunterricht von der Direktorin, die gleichzeitig auch die Chefin ist. Mit Haengen und Wuergen bekommt Mutti eine Empfehlung fuer die Mittelstufe. Zur Belohnung duerfen wir sogar in Euro bezahlen.

Los geht‘s. Heute wird verlegt. Unsere Kolonne muss von der Tatra ins Riesengebirge. Eine logistische Herausforderung fuer Mensch und Maschine. Das kann lustig werden. Tatsaechlich aber wird es steinig. Um genau zu sein 5-10mm. Das naemlich ist die Koernung, die der Split hier allerorten hat, den die Einheimischen in ihrer Freizeit auf den Strassen verteilen. Ein weit verbreitetes Hobby. Fuer uns aber eher ein Problem, das uns schon seit einigen Tagen begleitet. Waehrend Mutti den Split aufwirbelt, fange ich ihn mit meinem Gesicht auf und sortiere ihn direkt nach Groesse. Neben der Fahrtrichtung ist dabei die Windrichtung ein entscheidender Faktor fuer den Erfolg der Sammelaktion.

Nach ca 3h Fahrt haben wir jeweils 1kg 5mm/ 6mm/ 7mm/ 8mm/ 9mm und 10mm eingesammelt. Aus Gruenden der Nachhaltigkeit liefern wir die Saecke mit insgesamt 6kg beim Bauhof ab und erhalten umgerechnet 0,60EUR Pfand zurueck. Das hat sich gelohnt. Den Sprit bis zur Abgabestelle haben wir damit wieder rein. Super!

Nach der ganzen harten Arbeit haben wir uns eine Staerkung verdient. An einem gemuetlichen Speiselokal mit integrierter Mineraloel-Ausgabe-Station lassen wir es uns richtig gut gehen.

Die franzoesischen Baguettes mit einer Fuellung von wuerzig mariniertem Haehnchenfleisch aus biologischen Anbau, das sich, mit etwas Mayonnaise als Haftvermittler, eng an das halbe Salatblatt schmiegt sind zwar liebevoll zubereit aber leider in Folie verpackt worden.

Aus diesem Grund verbietet Mutti mir, einen Latte Macchiato im eleganten aber beschichteten Pappbecher zu kaufen.

Weiter geht‘s. Wir sehen Einheimische und stellen einmal mehr fest, dass das Verhaeltnis zwischen Hunden und Motorradfahren sowohl in der Tatra als auch im hiesigen Riesengebirge sehr angespannt ist. Ein Hund wird uns dabei besonders in Erinnerung bleiben. Als Mutti an ihm vorbeifahren will stuermt er mit gefletschten Zaehnen auf sie zu um kurz darauf zwischen den Speichern durch ihr schnell rotierendes Vorderrad zu springen. Hin und her. Die Speichen zerschneiden nicht nur das laute Geklaeffe zu einem Staccato. Auch der Schwanz wir kleingeheckselt. Der Pfiffi sieht jetzt aus, wie ein Ferkel mit Pelz.

An Muttis Hinterrad mit Kardanantrieb traut er sich nicht heran. Aber er hat noch nicht genug und versucht einen neuen Trick an meinem Hinterrad. Er verbeisst sich in mein Stollenprofil. Zum Glueck auf der linken Seite, sonst haette es hot dog gegeben, allerdings ohne Broetchen. Er nimmt die linke Seite. Das Ergebnis: er bekommt an der Hinterradschwinge einen neuen Scheitel gezogen und hat zwei mal Kontakt mit der Kette. Einmal oben und einmal unten. Das macht einen schwarzen Streifen auf dem Ruecken. Und einen auf dem Bauch. Jetzt sieht er nicht mehr aus wie ein Ferkel, sondern wie ein Stinktier. Was letzten Endes aber auch egal ist. Ich hoffe, er verletzt sich bei diesem Sport nicht irgendwann einmal.

Wie auch gestern zieht sich der Endspurt wie zerlaufener Mozzarella. Inge spricht von 2h20 bei verbleibenden 98km. Das kann je heiter werden. Aber dieses Mal ist die Strecke abwechslungsreicher und geht durch‘s Gruene. Ich fahre ausnahmsweise mal voran und demonstriere Mutti, wie man gleichzeitig nachhaltig und DSGVO-komform unterwegs sein kann. DSGVO bezieht sich in diesem Fall darauf, dass wir keine Einverstaendniserklaerung zur Uebermittlung unserer persoenlichen Daten an die deutsche Rennleitung unterzeichnen muessen. Wir fahren naemlich ordnungsgemaess und stellen bei dieser Gelegenheit eine Abweichung an Mutti’s Geschwindigkeitsmesser fest. Wenn ich mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit fahre, zeigt ihr Tacho vieeel mehr an. Wie geht das denn?

Waehrend wir die Voreilung von Muttis Tacho ueber Funktelefon diskutieren, ueberfahre ich um ein Haar einen Waschbaeren. Der hatte sich in einer Kurve auf den warmen Asphalt gelegt, alle Viere nach oben gestreckt und sich den Bauch von der nachmittaeglichen Sonne braeunen lassen. Er dachte wahrscheinlich, er sei neben der Spur. Tatsaechlich lag er aber genau drauf. Mutti kann die Katastrophe mit einem gekommten Swing Over Manoever gerade noch abwenden. 5min spaeter erreichen wir unser Zielgebiet.

Da nur Mutti‘s Inge die genaue Lokation unseres Hotels kennt, ich aber voraus fahre, wissen wir nicht mehr weiter. Doch ploetzlich spricht eine Stimme ueber das Intercom zu mir. Und ich weiss, wir sind gerettet. Kurz darauf erkenne ich, es ist Mutti. Ich folge dem suessen Klaeng ihrer lieblichen Stimme.

Gedaechtnissprotokoll

links: ICH | rechts: MUTTI


Geht‘s hier lang?
Nein
Ist das unser Hotel?
Nein
Links oder Rechts?
Nein. Hoer mir doch mal zu!
Ist das unser Hotel?
Nein. Fahr weiter!
Sind wir endlich da?
Ja. Fahr weiter!

15m vor dem Ziel verfahren wir uns noch mal und biegen in eine Sackgasse ein. An einem weiss-roten Poller kommen wir bergab auf einem Fahrrad-Trail zum Halt. Wenden auf engstem Raum. Mein MoFa hat zugenommen. Beinahe entgleitet es meinen schweissgebadeten Haenden. Mit letzter Kraft schieben wir die Mopeten auf den Hof des Hotels. Das Gerangel um den besten Parkplatz gewinnt Mutti. Ich kann nicht mehr.

Ab auf‘s Zimmer. Nachdem wir uns frisch gemacht, die Haare gefoehnt und gefaerbt haben, laufen wir in freudiger Erwartung zum Restaurant. Marika steht laechelnd im riesigen aber leeren Restaurant.

Wir: Is this the restaurant?

   Marika: Ala card?   Sie gibt uns die Menu-Karte.

Wir: Yes, please. But is this the bar or the restaurant?

    Marika: No. You go -1

Ok, gehen wir mal runter. Hier ist naemlich kein Mensch, gedeckt ist auch nix. Dann wird‘s wohl unten sein.

Unten ist der Wellness-Bereich. Hinter der Ecke ist Musik. Aha, ein Restaurant. Leer. Wir sprechen den jungen Mann hinterm Tresen an.

Is this the restaurant?

Die 3 Fragezeichen in seinem Gesicht sind eigentlich Antwort genug. Aber wir geben nicht auf.

   You must go 0. This is -1. Near the reception.

Komisch. Da waren wir vor 2min. Sollen wir vielleicht auch noch ein Rosa Formular ausfuellen, bevor wir wieder nach oben steigen?

Das Restaurant ist immernoch leer. Es herrscht eine beaengstigende Stille. Vorsichtig befragen wir den Herrn an der Rezeption. Ich habe Angst vor der Antwort. Tatsaechlich, er zeigt auf‘s Restaurant. Hmm, da waren wir schon, vor 3min.

Er klaert das mal fuer uns. Danach koennen wir uns zur Entschaedigung einen Sitzplatz aussuchen. Die Wahl faellt nicht leicht. Ist ja alles frei. Marika ist verschwinden. Ich sehe sie, wie sie verlegen durch das Bullauge der Kuechentuer schaut. Ich glaube, sie traut sich nicht mehr heraus, heute Abend.

Stattdessen kommt Dominika. Ihr Englisch ist etwas besser. Ihr Textspeicher muss aber vor jedem Satz neu programmiert werden. Das verzoegert die Kommunikation etwas, weil sie dafuer immer an den Google Uebersetzer hinter der Kuechentuer angeschlossen werden muss. Irgendwie tut sie mir leid.

Nach dem Essen geht‘s nach draussen. Ich habe Bewegungsdrang. Und Mutti hat vesprochen, dass wir noch auf den Spielplatz gehen. Prima.

Mutti: „Uebertreib‘s nicht wieder!“

Natuerlich nicht. „Nicht uebertreiben“ ist mein zweiter Vorname. Trotzdem muss ich mit auf einen Verdauungsspaziergang durch das Dorf. Es geht steil bergab, dann ca 500 Hoehenmeter eine Treppe mit ergonomisch unguenstig tief gestalteten Stufen. Ich schwanke zwischen Trippeln und Weitsprung. Als ich mit haengender Zunge oben ankomme, ist Mutti schon eine halbe Stunde oben und hat nen Sonnenbrand bekommen. Trotzdem verkuendet sie freudestrahlend, dass dort oben die Schneekoppe zu sehen sei, 1605m ueber NN.

NEIN, kannst Du vergessen! Da klettere ich jetzt nicht mehr rauf. Ich habe gerade schon die Kalorien fuer morgen verbraucht. Es reicht. Was zu weit geht, geht zu weit.

Beschwingt taenzelt Mutti zurueck zum Hotel. Ich krieche auf allen Vieren nebenher. Auf dem Zimmer schnappt sie sich beide Fernbedienungen. Ich gehe also, leer aus und habe den Kampf um den besten Sender schon vor dem Einschalten des Fernsehers verloren.

Gut, dann schreib ich eben in mein Tagebuch. Zwei Minuten spaeter ist Mutti eingeschlafen.

Gute Nacht.

Schiebung

Heute fahren wir endlich zur Hohen Tatra, besser gesagt, einmal um die Hohe Tatra drum herum. Ich freue mich riesig. Aber die Freude haelt nicht lange an. Zu meinem Leidwesen muessen wir die MoFas um das Riesengebirge herum schieben.

Am Ende des Tages werden wir in gut 9 1/2h gerade einmal 362,1km gekommen sein. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,7km/h. Damit kann man nicht mal bei der Tour de France punkten.

Ein Touristenort reiht sich an den anderen. Parkplatzsuchende Autos blockieren die Strassen, genauso wie fusslaeufige Touristen. Die Menschenmassen waelzen sich durch die Orte und machen alles platt, was in ihrem Weg liegt. Der maximale Abstand zwischen aufeinanderfolgenden Fussgaengerueberwegen betraegt 25m. Das ist zu wenig, fuer meinen Geschmack. Menschen sind‘s zu viele, fuer meinen Geschmack. Die atmen alle die Luft weg. Und davon ist hier oben sowieso schon zu wenig vorhanden. Flucht nur bedingt moeglich, da man mit dem Fahrzeug weder vor noch zurueck kommt. Ein Motorrad ist aktuell nicht wirklich von Vorteil. Der Mob ist gefaehrlich. Eine falsche Aktion, und wir sind Mode. Um es mal freundlich auszudruecken.

Die Suche nach einem ruhigen Plaetzchen gestaltet sich schwierig.

Endlich haben wir eins gefunden und atmen durch.

Leider nicht lange, denn es geht schleppend weiter. Irgendwann muss der Touristenspuk doch mal ein Ende nehmen. Wir haben Donnerstag. Und hier sieht‘s aus wie in Mekka waehrend des Haddsch, wenn 2,5 Mio Muslime die Kaaba umrunden.

Wir naehern uns der polnischen Grenze. Ja, ein Teil der Hohen Tatra liegt in Polen. Und hoffen auf etwas Entspannung. Vergebens. Auch hier stehen Maenner mit Signalwesten am Strassenrand und wollen uns einwinken. Aber wir wollen nicht parken, sondern fahren. Verdammt. Mein Spritverbrauch ist schon so stark reduziert, dass ich Angst bekomme der Tank koennte bei der Hitze ueberlaeufen.

Die Temperaturen sind inzwischen unertraeglich hoch. Und Mutti hat sogar noch lange Unterhosen und ein Langarmshirt an. T-Shirt oben drueber. Ich habe nur meinen Bikini unter der Kombi. Und mir laeuft das Wasser in die Stiefel, wie der Amazonas in den Regenwald.

Zakopane, bekannt als polnisches Wintersportzentrum, erwartet uns. Meine Hoffnung auf gemaessigte Temperaturen wird bitter enttaeuscht. Die auf ein schnelles Fortkommen ebenso. Im Schritttempo „schieben“ wir unsere Motorfahrraeder den Berg hinauf. Das tut uns nicht gut. Und der Motortemperatur auch nicht. Fehlender Fahrtwind, fehlende bzw. reduzierte Kuehlung. Das wiederum fuehrt zu erhoehter Hitzebildung im Bereich zwischen Knie und Bauchnabel. Die heisse Luft vom Motor muss ja irgendwo hin. Feuerstuhl ist ebenso Name wie Programm. Und die Lendchen sind inzwischen gut durch, nicht zuletzt wegen der tollen Marinade.

Wir entfliehen der Zivilisation und biegen rechts ab.

Das Panorama sprengt meinen Ereignishorizont. Mehr Natur geht nicht. Das Sitzen in der ersten Reihe bringt allerdings nicht nur Vorteile mit sich. Wenn man genau hinsieht …

… faellt auf, dass das exzessive Herumlungern in unseren Premium Fernsehsesseln einen runden Ruecken macht. Das sieht so aus, wie ein Dackel beim Kacken.

So, Geschaeft erledigt.

Wir koennen weiter.

Besser gesagt, wir wollen weiter. Die Hohe Tatra lassen wir hinter uns und freuen uns auf unberuehrte Landstrassen im Nirgendwo, die uns zu unserer heutigen Unterkunft bringen, einer Schule. Es sind nur noch 60km. Aber Inge, unsere Navigationsbeauftragte, vermeldet noch 2h Fahrtzeit bis zum Ziel. Da stimmt doch was nicht. Oder Inge luegt.

Ich geb‘s ungern zu. Aber Inge hat nicht gelogen. Die letzten 60km reiht sich ein Dorf an das naechste. Selten stehen die Ortsschilder weiter als 1000m auseinander. Meist sind sie sogar am gleichen Pfosten befestigt. Und die Doerfer sind lang, seeeehr lang. Wenn dann doch mal 5km dazwischen liegen, dann wird gerne im Off ein 50-Schild an die Landstrasse gestellt. Ja, man kann auch mal im Wald 50 fahren. Ich hab die Nase voll. Von den vielen Baustellenampeln will ich gar nicht erst anfangen. Die sind immmer rot! Wer liebt, der schiebt.

Vollkommen erschoepft kommen wir an der Unterkunft an, einer Grundschule. Hatte ich, glaube ich, schon erwaehnt. Wir klingeln an der Tuer … keiner da. Wir schleichen uns hinten rein. Keiner da. Nur eine Mutter huscht veraengstigt mit ihrem kleinen Jungen an uns vorbei. Im Keller regt sich was. „Guten Tag, wir haben eine Reservierung.“ Der Direktor schaut uns streng an. Wer wir denn ueberhaupt seien. Nachdem das geklaert ist, zeigt er uns das Zimmer zum Nachsitzen. Es ist riesig.

Und das ist mein Klassenzimmer.

Ich melde mich als erster.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer. Ich weiss was.“

Die Antwort war leider falsch. Also muss ich unter der Treppe schlafen, wie Harry Potter.

Gute Nacht

Gulaschsuppe mit Polizeischutz

Der Tag geht gut los. Das Fruehstueck ist so nahrhaft wie gesund. Prima.

Die Fruehdienst-Maria von der Rezeption tanzt durch den Fruehstueckssaal. Und jetzt ist Mutti auch wach. Die Augen ganz gross. Die Tattoos vom Knoechel bis unter ihren Rock wecken Interesse und ich bekomme die Frage gestellt, ob die wohl noch weiter nach oben gehen wuerden. Unterm Kleidchen, versteht sich. Ich schlage vor, dass ich meine restlichen Sachen packen gehe und Mutti mal eine Leibesvisitation vornimmt, um abzutasten, wie weit die Koerperbemalung wohl reicht.

Als unsere Zimmertuer aufgeht, bin ich gerade mit dem Zusammenknoten meiner gebrauchten Waeschestuecke fertig. Wir koennen los. Aber Mutti schwebt, in Gedanken versunken, grinsend zum Fenster. Sie winkt den Leuten auf der Strasse noch ein letztes Mal zu und macht ein Foto von der Strassenbahn, die heute nacht immer hin und her gefahren ist.

Als wir auf dem Parkplatz stehen und unsere MoFas satteln, werfen wir noch mal einen Blick auf unser Hotel.

Im Hellen sieht‘s ganz anders aus. Hat aber Charme. Wir muessen trotzdem los.

Nach ca 1h Fahrt sind wir am Ende. Um genau zu sein, am Ende der Strasse. Bauarbeiter versperren uns den Weg. Da faellt mir ein, dass doch ein Schild die Strassensperrung angekuendigt hat. Mutti hat‘s sogar laut vorgelesen. Wir sind ratlos.

Kann mich bitte jemand mitnehmen?

Jetzt muessen wir 45km zurueckfahren. Schlimmer kann’s nicht kommen, denke ich. Der Tag ist gelaufen.

Bei der „Rueckfahrt“ bemerken wir, dass inzwischen wieder nach uns gesucht wird. Es toent aus den Lautsprechern entlang der Dorfstrassen. Flucht strengt an. Und so muessen wir schon bald eine Taverne aufsuchen, um uns zu staerken. Mutti sucht sich den Platz aus … NEIN! Doch nicht direkt hinter dem Polizisten!

Zu spaet. Jetzt ruhig bleiben und nicht auffallen. Geht aber leider in die Hose. Die Bedienung, eine junge Frau, spricht uns in Landessprache an. Als Mutti um englischsprachige Anrede bittet, schiessen ihr Traenen in die Augen. Und sie rennt weg. Ich bin entsetzt. „Wie kannst Du nur? Das arme Maedchen!“

Kurz darauf ist sie wieder da, mit einer teil-ubersetzten Menuekarte. Lautstark gestikulierend versucht sie, die einzelnen Eintraege auf der Karte vorzufuehren. Bis jetzt hat uns der Polizist noch nicht bemerkt. Aber die anderen Gaeste.

Bis eben war‘s proppenvoll. Nur zwei Chopper-Fahrer trauen sich noch ins Lokal. In Gedanken fahre ich schon mal die Fluchtroute ab.

Glueck im Unglueck, der Polizist ist begeistert von den beiden rollenden Fernsehsesseln und tanzt an uns vorbei, ohne uns wahrzunehmen.

Es kann weiter gehen. Um sicher zu gehen, dem eisernen Wuergegriff der Rennleitung zu entkommen, fahren wir unentwegt Halbkreise und auch viele Vollkreise. Standard Rate 1 Turns sind langweilig. Also probieren wir es mit steep turns. Bis wir vor lauter Three-Sixties schon unsere eigenen Hintern sehen koennen. Mir ist ganz schlecht.

Mutti ist gut gelaunt. Aber die hat ja auch meinen Hintern gesehen und nicht ihren.

Bei der Gelegenheit wird die Unterkunft ausgewuerfelt. Der Campingplatz faellt durch, da eine Bestellung auf Englisch nicht moeglich ist. Nach 1h Diskussion haben wir uns endlich geeinigt. Der Bestellvorgang gestaltet sich allerdings schwierig bis abenteuerlich, da es beim Bezahlen immer wieder zu Server Fehlfunktionen kommt. Meine Mastercard raucht derweil. Und die Amex vermeldet eine Belastung. Das wiederum belastet mich. Mir haette ein Zimmer fuer uns naemlich vollkommen gereicht. Jetzt haben wir auf einmal drei, zum Preis von drei.

Ich rufe im Hotel an und erfahre, dass bisher keine Reservierung auf meinen Namen vorliegt. Aber eben gerade sind drei Zimmer weggegangen. Aha. Wir kommen gleich mal vorbei und schauen uns das an.

90min spaeter stehen wir an der Rezeption des Ski-Hotels. Schnee ist aus. Aber Maria ist genau Mutti‘s Typ. Sie wirkt etwas nervoes und verschuechtert. Ich gehe schon mal auf‘s Zimmer, waehrend Mutti den Stundenplan vom Wellness-Bereich aufgezaehlt bekommt. Als ich im ersten OG hinter der Tuer verschwinde, sind sie gerade bei morgen 17:00 angelangt. Ob ich haette sagen sollen, dass es morgen nach dem Fruehstueck weitergeht?

Das Zimmer wurde mit „Bergblick“ beworben.

Egal, darum kuemmern wir uns spaeter. Jetzt erst mal was essen, im bordeigenen Restaurant. Hier ist noch eine Maria. Die ist auch Mutti‘s Typ. Und so merkt Mutti gar nicht, dass die Black Berry Limonade eine Erdbeer-Limo ist. Egal. Hauptsache, es schmeckt. Und zum Schluss arbeitet Mutti noch an der Fuellung fuer Ihre Stuetzstruempfe.

Da sich niemand um mich kuemmert, schubse ich vor lauter Wut absichtlich meine Limo um.

Bei Mutti‘s Abgang beschlaegt‘s Maria 2 die Brillenglaeser. Sie lacht verlegen. Mutti auch, um sich kurz darauf bei Maria 1 an den Tresen zu stellen. Die Restaurant-Rechnung muss zufaellig dort beglichen werden.

Mein Tag ist gelaufen, ich gehe auf‘s Zimmer.

Gute Nacht!

Auf der Flucht

Gestern Abend, vor dem Schlafengehen, kuendigt Mutti schlechtes Wetter fuer den Folgetag an. Echt jetzt? Dann kann ja nix passieren. Ich schlafe beruhigt ein.

Der Wecker ist auf 06:45 gestellt. Um 06:46 steht Mutti geduscht und gefoehnt vor meinem Bett und mahnt zum Aufstehen. In Verkleidung, versteht sich. Die MoFa-Hose sitzt wie angegossen. Die Stuetzstruempfe stuetzen, wo noetig. Und sind nur zu sehen, wenn man weiss, dass sie da sind. Ein rundum gelungenes Outfit also.

Ich rolle mich aus dem Bett und krieche stoehnend auf allen Vieren ins Bad, zur Dusche. Die Kante der Duschtasse ist mit 10mm sehr hoch ausgefallen. Und folgerichtig stosse ich mein Knie daran. Der Tag geht gut los.

Leider verspricht Mutti noch waehrend mein Knie schmerzt, dass das Wetter heute super werden sollen wuerde. Jetzt mache mache ich mir Sorgen. Zu Unrecht, wie sich spaeter herausstellen wird.

In Windeseile mache ich mich fertig. Als ich um 07:30 am Fruehstuecks-Buffet ankomme sitzt Mutti draussen am Tisch. 10 Grad im Schatten. Die Huette steht im Wald, kein direktes Sonnenlicht. Logisch, dass sie mehrlagig unterwegs ist. Ich habe mich aber auf das tolle Wetter vorbereitet und bin nur mit Bikini-Oberteil unterwegs. Zum Glueck gab‘s heisse Wuerstchen und Spiegelei fuer unterwegs. Ueber dem heissen Teeglas waerme ich mir die Haende. Ansonsten ist das Fruehstueck recht ueberschaubar. Das wird spaeter noch wichtig werden.

Um 08:30 besteigen wir unsere Mopeten und reiten gen Suedosten. 11:30 gibt‘s den ersten ernsthaften Versuch zur Nahrungsaufnahme. Wir bekommen nur Cappucino und Latte. Dazu aber noch jede Menge slowakische Volksmusik an den Kopp. Als uns die Ohren bluten verlassen wir den Laden.

Kein Wunder, dass wir die einzigen Gaeste waren.

Um 14:45 dann zweiter Versuch. Wir parken im absoluten Halteverbot, direkt vor der Cafeteria, weil es hier sowieso keine Rennleitung gibt.

Fuenf Minuten spaeter:

Wir sind geliefert. Kurz darauf schallt es laut aus den Lautsprechern, die ueberall im Ort an den Laternenpfaehlen haengen. Ich glaube es sind Personenbeschreibungen. Gesucht wird nach einem kleinen aber attraktiven Dicken und einer Person mit Stuetzstruempfen. Erstaunlich praezise Beschreibungen. Wir sind jetzt zur Fahndung ausgeschriebene Schwerverbrecher. Zum Glueck sind die Polizisten gerade in Pause und essen gemuetlich ihr Eis am Nebentisch. Deshalb erkennen sie uns nicht und verlassen kurze Zeit spaeter das Lokal.

Glueck gehabt. Aber fuer mehr als 3 Kugeln Eis und einen Cappuccino hat die Zeit kaum gereicht. Wir konnten gerade noch ausdiskutieren, wo wir heute uebernachten. Wir fluechten nach Ungarn. Unser Stuhlkreis ergibt, dass sich unsere Spur in Ungarn verlieren wird und ein Re-Entry in die Slowakei danach gefahrlos moeglich sein werden wird.

Aber die Flucht ist nicht ungefaehrlich. Kuehe lauern uns am Wegrand auf und versuchen, uns den Weg zu verstellen.

Und die Einheimischen sind scharf auf das Kopfgeld. Sie verfolgen uns, zum Glueck in entgegengesetzter Richtung.

Bis auf ein zwei Doerfer sieht es in dieser Gegend von Ungarn sehr aermlich aus. Aber die Kinder freuen sich, uns zu sehen und winken. Einige animieren uns mit Drehbewegungen der Hand, am Gas zu drehen und den Motor aufheulen zu lassen. Aber das finden wir erst spaeter bei der Nachbesprechung heraus.

Unsere Wahl fuer die Uebernachtung ist auf Kosice gefallen, auch genannt „The City of Tolerance“. Nach unseren bisherigen Erfahrungen mit dieser Thematik trifft sich das gut und setzt uns at ease.

Das Hotel ist perfekt. Maria, die Rezeptionistin, empfiehlt uns ein Restaurant in der Altstadt, die nur knapp 10min zu Fuss entfernt ist.

Der hoteleigene Parkplatz weckt Erinnerungen an das Hotel Rossia in Sowjetsk, ehemals Tilsit.

Tatsaechlich finden wir das Restaurant und bestellen. Fuer mich gibt‘s ausnahmsweise Vita Cola. Mutti bekommt hausgemachte Limonade und fragt sich zum Einen, wie die Bedienung den Apfel im Glas geschnitten bekommen hat und wie (verdammt noch mal) man den da wieder raus bekommen soll.

Ich muss ploetzlich an einen Sketch von Loriot denken: „Es saugt und blaest der Heinzelmann, wo Mutti …“ Die Loesung ist verblueffend einfach. Kraeftig saugen.

Oops, das war zu stark. Jetzt ist der Strohhalm verschwunden. Geht‘s Dir gut, Mutti?

Nach einer 5-minuetigen Operation mit Luftroehrenschnitt ist Alles wieder im Lot. Wir haben‘s geschafft. Da ist es wieder, das kurze fluechtige Laecheln. Ach nein, das kommt von der OP. Hat also auch was Gutes gehabt, die Geschichte. Nach weiteren 3min ist der Wundschmerz abgeklungen und wir treten den Heimweg zum Hotel an.

Unterwegs bringe ich schnell noch ein neues Schild vor dem Rathaus an. Damit finden wir auch den Weg nach Hause, wenn wir in 3 Tagen wieder hier vorbei kommen.

Im Hotel angekommen sinkt Mutti voellig erschoepft ins weiche Himmelbett. Zum Glueck sind die Betten auf Rollen. Da kann ich Mutti heute Nacht zur Toilette schieben, wenn sie mal muss. Denn Belastung ist vorerst nicht zu empfehlen, damit die Wundheilung nicht gefaehrdet wird.

Auf der Toilette bemerke ich das Telefon neben der Dropping Area. Das ist praktisch.

So kann ich Mutti anrufen und ihr von meinem Tag erzaehlen. Es tut gut, ihre Stimme zu hoeren.

Vor Erschoepfung schlaeft sie noch waehrend des Telefonats ein, obwohl draussen vor dem Fenster die Tatra-Strassenbahnen im 5min-Takt vorbeidonnern. Die Oberleitung ist nur etwa 20cm von unserem Fenster entfernt. Um der Brandgefahr durch Funkenschlag am Stromabnehmer zuvorzukommen war das Fenster bis eben auch noch zu, wegen der huebschen Gardinen. Ich hab‘s heimlich wieder aufgemacht.

Schnell noch fuer Schocklagerung sorgen, damit genuegend Blut in den Kopf fliesst.

Und dann … Gute Nacht

An – Aus … An – Aus

Heute morgen beginnt das Fruehstueck erst um 08:00. Ich komme um 08:01 in den Speisesaal. Mutti ist schon fertig. Also hat sie Zeit und wir kloenen noch ein bisschen bei einer Tasse Morgenkaffee.

Dann geht‘s los. Das Wetter ist vielversprechend. 20 Grad, Sonnenschein. Leider erst ab 15:20. Bis dahin wechselweise Duschen und Foehnen.

Die Suche nach einem Kaffee, um den ersten herunterzuspuelen, fuehrt uns nach Polen. Ein netter Ort, Name unbekannt, voll mit Menschen. Leider nutzen die polnischen Gastgeber keine Ortsnamen sondern nur Piktogramme. Wir finden ein wirklich schoenes Café mit sehr ansprechendem Aussenbereich und parken hinterm Haus. Ausnahmsweise scheint die Sonne zu unserer Pause. Auf dem Weg zum Eingang werden wir in Landessprache angepoebelt. Unser dezenter Hinweis, dass wir des Polnischen nicht maechtig und daher auf eine Uebersetzung ins Englische angewiesen sind, wird mit einer veraechtlichen Handgeste abgetan. Egal, wir freuen uns auf Cappucino und Muckefuck. Am hoelzernen Schwingtor muessen wir leider feststellen, dass wir ausserhalb der veroeffentlichten Oeffnungszeiten angetreten sind. Schade.

Aber Moment mal, da bewegt sich was. Die Terrassentuer wird langsam aufgeschoben und … der nette Herr von eben beginnt in aller Ruhe, den Aussenbereich fuer die zahlende Kundschaft herzurichten. Wir canceln das zweite Fruehstueck. „Bitte wenden und nach der Ausfahrt rechts halten!“

Es geht weiter, mit einem Loch im Bauch und einem Defizit an Fluessigkeit. Aber wir haben Glueck. Keine 30min spaeter finden wir in einem Skigebiet ein einladendes Bistro. Super, ich hab richtig Bock auf ne Bratwurst mit Erdbeeren.

Ich zoom mal ran.

Aha, getrennte Eingaenge fuer Maenner und Frauen. Kannte ich so bisher nicht. Drinnen angekommen die naechste Ueberraschung. Essen gibt‘s hier nicht. Englischsprachiges Personal auch nicht. Freundlich geht anders. Aber wir haben keine Wahl. Denn draussen giesst es schon wieder. Wir giessen auch, den Cappuccino in den Hals.

Es regnet weiter. Aber wir haben doch keine Zeit. Das Rie-Senn-Dsche-Birr-Dschiie wartet nicht auf uns. Zu allem Ueberfluss spielt uns die Navigationsanlage heute einen Streich, und wir finden uns am Ende der Welt wieder. Markiert durch ein weisses Schild mit rotem Rand. Darauf steht etwas auf polnisch oder tschechisch. Ich uebersetze es sinngemaess mit „Nicht bezahlen! Das Ende der Welt ist nah.“

Unpassend aber wahr, es regnet gar nicht. Laut Mutti ist‘s nur 1km bis zur Strasse. „Wir schauen uns das mal an.“ Na klar. Mutti faehrt mit ihren Slicks drauf los. Komisch, dass es nur bergauf geht. Die Strasse ist sowieso schon weg. Aber es wird immer besser. Erst Waldweg, dann Schmierseife auf dem Waldweg, dann Schotter, dann nasser Schotter. Und immer weiter bergauf. Mutti schlingert wie ein Laster auf dem eingeschneiten Fernpass. Nach 5km im Gemuese ist von der Strasse immernoch nix zu sehen. Kurz vor‘m Gipfel des 3000ers ist die Welt dann tatsaechlich zu Ende. Wir sehen nur noch Himmel.

Ein paar Wanderer ziehen schnaufend und unmotiviert in einer Linie, wie die Lemminge, an uns vorbei in Richtung Ende. Ich glaube, wenn sie da oben angekommen sind, fallen sie herunter … von der Erde. Wenn nicht, zeigen sie uns bei der Rennleitung an.

Mutti ist ratlos. Und der Regen wird immer staerker. In 2500m ueber Normal Null wenden wir unsere Tauchroboter und bereiten uns auf den Abstieg vor. Luft ist knapp. Guter Rat ebenso.

Geschmeidig gleiten wir den Berg hinunter. Keine Verluste. Aber es regnet jetzt auch hier unten. 5min spaeter ist Mutti von der Routenplanung genervt. Inge, unser Navigationscomputer, fuehrt uns immer wieder, am Rande der Legalitaet, ins Unterholz. Fluchend wird Inge formatiert und neu programmiert.

Der Regen ist angenehm warm. Der Rasen schoen gruen.

Circa 1h spaeter finden wir ein schoenes Plaetzchen zum Rasten. Das Wetter, es ist jetzt erst 15:15, ist wunderbar. Und wird es bis zu unserem Ziel auch bleiben.

Unsere Unterkunft heute ist eine Jagdhuette am Rande von Zlin. Aeltere (und) Luftfahrtbegeisterte werden diesen Namen kennen. Der sowjetische Charm einer Vorzeigestadt aus dem Ostblock haftet dem Ort noch immer an. Nicht zuletzt wegen der Trolley-Busse. Fuer alle Nicht-Ossies, das sind Oberleitungsbusse.

Heute nehmen wir mal ein gemeinsames Zimmer mit zwei Einzelbetten. Erwartungsgemaess werden wir doof angeschaut. In den anderen Hotels haben sie komisch geguckt, weil wir jeweils ein eigenes Zimmer gebucht hatten. Egal, wir kennen das schon. Und spielen mit.

Gute Nacht!

Purple Disco Machine vs Purple Rain

Die letzte Nacht war wirklich anstrengend. Jemand hatte den Kasettenrekorder auf dem Spielplatz unterm Fenster stehen lassen. Musik droehnt aus den Megaphonen und bringt die seidenen Gardinen zum Schwingen, waehrend die festeren Uebervorhaenge zum Beat tanzen.

Ist spaetestens um 23:59:59 vorbei! Ich schlaf schon mal los. Leider nein. Der anonyme DJ allerdings konnte anscheinend gut schlafen. Er bemerkt naemlich nicht, dass gar kein Publikum da ist. Zu meinem Verdruss wird alle 30 Minuten kurz STOPP gedrueckt. Wahrscheinlich Pinkelpause. Danach geht’s munter weiter. Schlafen im Accord.


Um 01:00 ist dann aber Schluss. Bestimmt doch spaetestens jetzt, um 02:00, oder? Die pure Erschoepfung zwingt mich in den Daemmerschlaf. 03:01. Ich schrecke hoch. Es ist Ruhe. Herrlich.


Fehlalarm. Das war die Pinkelpause. Es geht weiter. Um 06:41 halte ich es nicht mehr aus und beschliesse, vorzeitig aufzustehen. Heute nutze ich den zeitlichen Vorsprung und ueberrasche Mutti. Wir sind fuer 07:30 am Fruehstuecks-Buffet verabredet.


07:27 habe ich meine Mopete ordnungsgemaess nach DIN gepackt und alle Gepaeckstuecke verzurrt. 07:28 funkt Mutti mich an und fragt, wie weit ich denn waere. „Ich bin schon da.“ Von der Verpackung erzaehle ich vorerst noch nix. Soll ja ne Ueberraschung werden.



07:29 marschiere ich in Richtung Speisesaal. Mutti kommt, entgegen der Kleiderordnung, schon in Verkleidung (MoFa Hose und Stuetzstruempfe). Menschenmassen stroemen uns entgegen, als wuerde es irgendwo brennen. 07:30 Der Speisesaal ist nahezu leer. Nur noch ein paar Renter sind da, die nicht mit der Masse der Fluechtenden Schritt halten konnten.

Das Buffet ist zerstoert. Lebensmittel nur noch gegen Bares. Aber das ist ja auch kein Wunder, fing doch das Fruehstueck schon um 07:00 an. Was hatte ich erwartet?
 Ich klaube ein paar Reste zusammen, die heruntergefallen waren oder hinter der Kaffemaschine und dem Samowar uebersehen wurden. Mutti findet irgendwo noch zwei hart gekochte Eier, wahrscheinlich von Ostern. Einen anderen Schluss laesst die Farbe des Eigelbs nicht zu. Stumpfsinnig vor uns hinstarrend kauen wir auf unserer Beute herum.

Als ich Mutti erzaehle, dass ich schon fertig gepackt habe, huscht ein kurzes Laecheln ueber ihr von Sorgenfalten zerfurchtes Gesicht. Trotz der besorgniserregenden Situation. Bewundernswert! Fuer einen sehr kurzen Augenblick sieht sie zwei Tage juenger aus. Wir stapfen schweigend auf unsere Zimmer, Mohnkruemel zwischen den Zaehnen.


Aber nicht verzagen, der Tag verspricht, blendend zu werden. Mutti hat hoch und heilig versprochen, dass wir tolles Wetter haben wuerden. Nur ein bisschen kalt. Und vielleicht ein oder zwei Schauer.

Es geht los. „Links sehen Sie den Fichtelberg“ toent es aus den Lautsprechern des Intercom. Bei Sichtbedingungen unterhalb von CATIII sehe ich wenig weiter als bis zum Strassengraben. Mutti schwoert, dass sie von ihrer letzten Tour noch ein Foto davon hat.

Nach zwei Stunden Fahrt haben wir den ersten Schauer hinter uns gelassen. Leider sind wir schon im Regen losgefahren. Zum Glueck ist’s nicht kalt. Wir haben immerhin 5 Grad, bis zu 9,5 in der Spitze.


Ich bin drauf und dran, mich zu beschweren. Im Reiseprospekt war von flexibler Routenplanung und schoenstem Sommerwetter die Rede.

Gegen 11:00 stuermt Mutti ein Caffee, um gute Laune und Waerme zu tanken.

 Ich brauche noch etwas Zeit, weil ich das Wasser aus meinen Stiefeln ablassen muss.

Wer genau hinschaut, wird erkennen, dass die Kaffetassen am Tresen auf dem Kopf haengen. Trotzdem versucht Mutti, den Kaffee dort einzugiessen. Die leer gemachten Kannen haengt sie gedankenversunken ueberall hin, wo gerade Platz ist. Als ich sie darauf aufmerksam mache, ist es schon zu spaet. Der Kaffee ist alle. Tee ist auch gut. Die Rechnung uebernimmt die Versicherung.

Weiter geht‘s. Rechts, links, Berg hoch, Berg runter. Ein Radfahrer, den wir gerade noch ueberholt haben, kann mit der Situation nicht umgehen. Im Spiegel sehe ich, wie er bergab immer naeher kommt. Die Augen blutunterlaufen, der Helm weggeweht, Schaum vor dem Mund, rote Flecken im Gesicht. Die Flecken koennten allerdings von dem Split kommen, den wir ihm bestaendig ins Gesicht schleudern, wenn er sich unter dem Druck der Reifen auf dem Weg in eine erdnahe Umlaufbahn macht.

Egal, ich bekomme es mit der Angst zu tun. „Mutti, fahr doch schneller!“ Mein Spiegel ist nicht gross genug. Ich sehe nur noch ein Auge des Radfahrers darin. Meine Angst ist begruendet. Ich hoere sein Schnaufen und spuere seinen heissen Atem, unter meiner Taucherglocke.

Ich zeige Mutti eine Abkuerzung. Mutti biegt rechts ab. Ich auch. Der Verfolger schafft die Kurve nicht. Wir sind gerettet. Pause.

Gleich nebendran draengt sich uns die Loesung fuer aehnliche Zwischenfaelle auf.

Nach mehrfachen Anlaeufen legen wir das Ziel unserer Reise fest.

Als uns nur noch 1000m Luftlinie von unserem Hotel trennen, sind es nur noch 50min und ca 42km Strecke, die vor uns liegen. Prima.

Dafuer werden wir mit einer tollen Unterkunft belohnt. Bei einem Auto wuerde man sagen: „Der ist noch im Originalzustand!“ Es gibt Tueren mit Klinken und echten Schluesseln. Und im Bad liegt vegetarische Seife.

Das muss ich erst mal verdauen. Gute Nacht.

Kein Regen, keine Ahnung

Die Woche vor der Abreise hat Muddi sich noch 5 Tage frei genommen, um die Expedition ordentlich vorzubereiten. Wer denkt, damit waere die Verpflegung gesichert, der irrt! Die erhoffte Kirsch-Sahne-Torte habe ich bis jetzt jedenfalls noch nicht gefunden.

Wenn Muddi mir hochgeholfen hat, kann‘s losgehen.

Muddi: „Wir fahren erst mal Autobahn bis Bayreuth“

Ok. Also auf zur A3. Aber schon an der ersten Auffahrt sehe ich den Erfolg der Expedition ernsthaft gefaehrdet. Mutti faehrt naemlich dran vorbei, und wir lassen die A3 hinter uns. Aber Glueck gehabt, da ist ja noch eine Autobahn. Die A45. Na gut, nehmen wir halt die. 5 Minuten spaeter sind wir dann doch auf der A3 und fahren gen Sueden. Es wird langsam waermer. Aber bei Wuerzburg verliert Mutti die Nerven und faehrt ab. Wir stuerzen uns in den samstaeglichen Berufsverkehr. An der zehnten roten Ampel frage ich zaghaft nach, ob wir nicht nach Bayreuth wollten. Die kurze wie praezise Antwort: „Planaenderung“.

Zehn endlose Minuten spaeter sind wir auf einer weiteren Autobahn und cruisen Richtung Norden, Steuerkurs 330. Folgerichtig wird es wieder kaelter. Hamburg, Flensburg, Kiel, die norddeutschen Kennzeichen werden immer haeufiger. Ich kann das Meer schon riechen. Da biegen wir wieder ab und fahren weiter mit Ziel Bayreuth. Aha. Ich frag besser nicht nach.

Nach gut zwei Stunden haben wir gut 200km geschafft. Aber nur auf dem Tacho. Durch das ganze Hin & Her sind wir kaum 500m Luftlinie von zu Hause entfernt.

Nicht nur die MoFas stehen schief.

Als der Spielzeugtank der BMW leer ist, gibt es endlich eine Pause. Wir goennen uns einen Cappuccino, jeder einen. Das Geschmackserlebnis ist interessant. Die Crema scheint aus recycletem Bauschaum zu sein. Der Kaffee hat sichtlich Muehe, darunter hervor zu kommen.

Weiter geht‘s. Regen soll‘s heute nicht mehr geben. Sagt Mutti.

Noch ist alles im Lot.

Wird es auch nicht mehr. Zumindest kein Wasser. Die Mopeten sprechen eine andere Sprache. Noch eine gute Stunde Fahrt liegt vor uns.

Als wir die Grenze zu Tschechien ueberqueren, werden sowohl Strassenbelag als auch Wetter signifikant schlechter. Irgendjemand hat den Schalter umgelegt. Es regnet Hunde und Katzen. Grosse Hunde und grosse Katzen.

In 900m ueber Normal Null tasten wir uns mit unseren Tauchrobotern bei minimaler Sicht voran. Die Menge an Wasser, die auf uns niedergeht entspricht einer Wassertiefe von ca 4000m. Naeher als heute werden wir der Titanic nie wieder sein. Handballgrosse Wassertropfen schlagen um uns herum ein und formen das Terrain neu. Einer der „Handbaelle“ platzt unmittelbar vor meinem Bullauge. Ich wusste gar nicht, dass da 100 Liter rein gehen. Mein Helm beginnt rasch, sich zu fuellen. Ich treffe eine Entscheidung, heute wird nicht gezeltet. Stattdessen steuern wir ein nahegelegenes Hotel auf dem Fichtelberg an. Es sind nur noch 35km. Kann so schlimm nicht werden. 5min spaeter ist meine Taucherglocke voll. Das Wasser wirkt wie eine Lupe. Alles ist so gross … auf einmal. Ich halte die Luft an und hoffe, dass die naechsten 30km schnell vorbei sind.

Geschafft. Jetzt erst mal ne heisse Dusche.

Gute Nacht. Ahoi!

Mett Tatra

Guten Morgen an die geneigte Leserschaft. Nach laengerer Schaffenspause hat sich die Redaktion entschieden, wieder eine Reise inhaltlich informativ zu begleiten und den Protagonisten bei Ihrem Ueberlebenskampf ueber die Schulter zu schauen. Einigen wird zu Ohren gekommen sein, dass es in der Zeit unserer Abwesenheit zu Kopierversuchen gekommen ist. Ein unbekanntes Internetportal hatte versucht, unseren Platz am Echtzeit-Doku-Himmel einzunehmen. Aufgrund fehlender Expertise und redaktioneller Probleme musste die Konkurrenz aber schnell aufgeben. Somit ist und bleibt der Weg frei fuer ein paar Tage literarisch-kulinarischen Hochgenusses. Was mich auch direkt zum Motto unserer Expedition bringt.

Im 13.Jahrhundert wurden die Mongolen in Europa faelschlicherweise als Tataren (alte Schreibweise Tartaren) bezeichnet. Abgeleitet wurde der Name vom altgriechischen Tartaros, einem personifizierten Teil der Unterwelt. Diesen Tataren sagte man nach, dass sie rohes Fleisch unter Ihre Saettel legten, „weich ritten“ und dann roh verspeisten. Bei einem Teamausflug in die heutige Hohe Tatra wurde das Fleisch dann noch mit dem Wurstmesser klein gehackt, ueber der offenen Flamme am Spiess gebraten und als Hackepeter bzw. Mett Tatra verspeist. Daher auch der Name fuer das kleinste aller Hochgebirge inmitten Europas.

Da gehts hin:


kallerna, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Soweit die Legende. Tatsaechlich hat es sich aber wie folgt zugetragen. Da die mongolische Supermarkt-Infrastruktur zum damaligen Zeitpunkt keine batterie- bzw. akkubetriebenen Kuehlboxen hergab, musste das Hackfleisch am Stueck transportiert werden, in Form von Rindern also. Vegetarier gab es damals noch nicht. Auf diese Weise blieb es bis kurz vor dem Verzehr frisch und bedurfte keiner zusaetzlichen Kuehlung. Ausserdem konnte es auch noch als Transportmittel benutzt werden. Die Geschichte mit dem Teamausflug stimmt also. Oberhalb der Schneefallgrenze wurde es dann zu Mett Tatar verarbeitet und konnte wegen der niedrigen Temperaturen problemlos in den mitgefuehrten Tupperdosen aufbewahrt werden. Bei der Bezeichnung Hohe Tatra handelt es sich demnach um ein Anagram. „Hohe“ bezieht sich in diesem Fall auf die weiter oben im Text angefuehrte Schneefallgrenze.

Viel Spass beim Lesen,
die Redaktion