Auf der Flucht

Gestern Abend, vor dem Schlafengehen, kuendigt Mutti schlechtes Wetter fuer den Folgetag an. Echt jetzt? Dann kann ja nix passieren. Ich schlafe beruhigt ein.

Der Wecker ist auf 06:45 gestellt. Um 06:46 steht Mutti geduscht und gefoehnt vor meinem Bett und mahnt zum Aufstehen. In Verkleidung, versteht sich. Die MoFa-Hose sitzt wie angegossen. Die Stuetzstruempfe stuetzen, wo noetig. Und sind nur zu sehen, wenn man weiss, dass sie da sind. Ein rundum gelungenes Outfit also.

Ich rolle mich aus dem Bett und krieche stoehnend auf allen Vieren ins Bad, zur Dusche. Die Kante der Duschtasse ist mit 10mm sehr hoch ausgefallen. Und folgerichtig stosse ich mein Knie daran. Der Tag geht gut los.

Leider verspricht Mutti noch waehrend mein Knie schmerzt, dass das Wetter heute super werden sollen wuerde. Jetzt mache mache ich mir Sorgen. Zu Unrecht, wie sich spaeter herausstellen wird.

In Windeseile mache ich mich fertig. Als ich um 07:30 am Fruehstuecks-Buffet ankomme sitzt Mutti draussen am Tisch. 10 Grad im Schatten. Die Huette steht im Wald, kein direktes Sonnenlicht. Logisch, dass sie mehrlagig unterwegs ist. Ich habe mich aber auf das tolle Wetter vorbereitet und bin nur mit Bikini-Oberteil unterwegs. Zum Glueck gab‘s heisse Wuerstchen und Spiegelei fuer unterwegs. Ueber dem heissen Teeglas waerme ich mir die Haende. Ansonsten ist das Fruehstueck recht ueberschaubar. Das wird spaeter noch wichtig werden.

Um 08:30 besteigen wir unsere Mopeten und reiten gen Suedosten. 11:30 gibt‘s den ersten ernsthaften Versuch zur Nahrungsaufnahme. Wir bekommen nur Cappucino und Latte. Dazu aber noch jede Menge slowakische Volksmusik an den Kopp. Als uns die Ohren bluten verlassen wir den Laden.

Kein Wunder, dass wir die einzigen Gaeste waren.

Um 14:45 dann zweiter Versuch. Wir parken im absoluten Halteverbot, direkt vor der Cafeteria, weil es hier sowieso keine Rennleitung gibt.

Fuenf Minuten spaeter:

Wir sind geliefert. Kurz darauf schallt es laut aus den Lautsprechern, die ueberall im Ort an den Laternenpfaehlen haengen. Ich glaube es sind Personenbeschreibungen. Gesucht wird nach einem kleinen aber attraktiven Dicken und einer Person mit Stuetzstruempfen. Erstaunlich praezise Beschreibungen. Wir sind jetzt zur Fahndung ausgeschriebene Schwerverbrecher. Zum Glueck sind die Polizisten gerade in Pause und essen gemuetlich ihr Eis am Nebentisch. Deshalb erkennen sie uns nicht und verlassen kurze Zeit spaeter das Lokal.

Glueck gehabt. Aber fuer mehr als 3 Kugeln Eis und einen Cappuccino hat die Zeit kaum gereicht. Wir konnten gerade noch ausdiskutieren, wo wir heute uebernachten. Wir fluechten nach Ungarn. Unser Stuhlkreis ergibt, dass sich unsere Spur in Ungarn verlieren wird und ein Re-Entry in die Slowakei danach gefahrlos moeglich sein werden wird.

Aber die Flucht ist nicht ungefaehrlich. Kuehe lauern uns am Wegrand auf und versuchen, uns den Weg zu verstellen.

Und die Einheimischen sind scharf auf das Kopfgeld. Sie verfolgen uns, zum Glueck in entgegengesetzter Richtung.

Bis auf ein zwei Doerfer sieht es in dieser Gegend von Ungarn sehr aermlich aus. Aber die Kinder freuen sich, uns zu sehen und winken. Einige animieren uns mit Drehbewegungen der Hand, am Gas zu drehen und den Motor aufheulen zu lassen. Aber das finden wir erst spaeter bei der Nachbesprechung heraus.

Unsere Wahl fuer die Uebernachtung ist auf Kosice gefallen, auch genannt „The City of Tolerance“. Nach unseren bisherigen Erfahrungen mit dieser Thematik trifft sich das gut und setzt uns at ease.

Das Hotel ist perfekt. Maria, die Rezeptionistin, empfiehlt uns ein Restaurant in der Altstadt, die nur knapp 10min zu Fuss entfernt ist.

Der hoteleigene Parkplatz weckt Erinnerungen an das Hotel Rossia in Sowjetsk, ehemals Tilsit.

Tatsaechlich finden wir das Restaurant und bestellen. Fuer mich gibt‘s ausnahmsweise Vita Cola. Mutti bekommt hausgemachte Limonade und fragt sich zum Einen, wie die Bedienung den Apfel im Glas geschnitten bekommen hat und wie (verdammt noch mal) man den da wieder raus bekommen soll.

Ich muss ploetzlich an einen Sketch von Loriot denken: „Es saugt und blaest der Heinzelmann, wo Mutti …“ Die Loesung ist verblueffend einfach. Kraeftig saugen.

Oops, das war zu stark. Jetzt ist der Strohhalm verschwunden. Geht‘s Dir gut, Mutti?

Nach einer 5-minuetigen Operation mit Luftroehrenschnitt ist Alles wieder im Lot. Wir haben‘s geschafft. Da ist es wieder, das kurze fluechtige Laecheln. Ach nein, das kommt von der OP. Hat also auch was Gutes gehabt, die Geschichte. Nach weiteren 3min ist der Wundschmerz abgeklungen und wir treten den Heimweg zum Hotel an.

Unterwegs bringe ich schnell noch ein neues Schild vor dem Rathaus an. Damit finden wir auch den Weg nach Hause, wenn wir in 3 Tagen wieder hier vorbei kommen.

Im Hotel angekommen sinkt Mutti voellig erschoepft ins weiche Himmelbett. Zum Glueck sind die Betten auf Rollen. Da kann ich Mutti heute Nacht zur Toilette schieben, wenn sie mal muss. Denn Belastung ist vorerst nicht zu empfehlen, damit die Wundheilung nicht gefaehrdet wird.

Auf der Toilette bemerke ich das Telefon neben der Dropping Area. Das ist praktisch.

So kann ich Mutti anrufen und ihr von meinem Tag erzaehlen. Es tut gut, ihre Stimme zu hoeren.

Vor Erschoepfung schlaeft sie noch waehrend des Telefonats ein, obwohl draussen vor dem Fenster die Tatra-Strassenbahnen im 5min-Takt vorbeidonnern. Die Oberleitung ist nur etwa 20cm von unserem Fenster entfernt. Um der Brandgefahr durch Funkenschlag am Stromabnehmer zuvorzukommen war das Fenster bis eben auch noch zu, wegen der huebschen Gardinen. Ich hab‘s heimlich wieder aufgemacht.

Schnell noch fuer Schocklagerung sorgen, damit genuegend Blut in den Kopf fliesst.

Und dann … Gute Nacht


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COMMENTS

1 Kommentar

  1. Wir haben uns so köstlich gefreut über eure Reportage und wünschen euch weiterhin eine gute Fahrt!

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