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Die Nacht ist ueberstanden. Im Speisesaal wartet Schwester Hildegard, vollstaendiger Name Inge Roswitha Hildegard Hammersson, nur darauf, Mutti anzupfeiffen. Der Tag geht ja gut los. Dabei hatte Mutti doch nur nach einem grossen Teller gefragt. Inge’s Antwort: „Finger weg, fuer Fruehstueck haben wir extra kleine Teller!“. Zurueck in die Reihe.

Inge ist uebrigens kein beliebter Vorname in Skandinavien, auch nicht fuer Jungen. Das sehr aehnlich klingende „Ingen“ ist wider Erwarten nicht die Mehrzahl sondern bezeichnet in den nordgermanischen Sprachen, Bildungsauftrag hiermit erfuellt, das kleine Woertchen „nicht“ oder „kein“!

Ingen GPS Signal oder Ingen Inge, in unserem speziellen Fall, bedeutet also „kein GPS“, oder woertlich uebersetzt: „Kein ausreichender GPS Empfang. Bitte warten Sie, bis die Signalstaerke eine hinreichende Positionsbestimmung ermoeglicht. Vielen Dank fuer Ihr Verstaendnis!“. Nein, ich habe kein Verstaendnis, zumal Mutti das Ganze ja forciert, indem er staendig ueber Inge meckert.

Dafuer ist das Wetter heute nicht schlecht, aber gut auch nicht. Mutti’s viel und gern genutztes „Super“ ermoeglicht leider keine sinnvolle Differenzierung. Und da er seine Qualifikation als Wetterbeobachter anscheinend aus dem Kaugummiautomaten gezogen hat, umreisse ich mal kurz die aktuellen Bedingungen.
Wir haben unglaublich trockene Luft, es knistert schon vor lauter Spannung. Man kann den Strom in der Luft quasi sehen. Das Thermometer ist kaum mehr zu halten und sprengt den einstelligen Bereich bereits so frueh am Morgen. Wir schwitzen bei 11 Grad im Schatten. Der fluessige Bestandteil unserer Reifen diffundiert nach aussen. Noch bevor sich die Tropfen von der Laufflaeche loesen , sind sie verdunstet. Der uebrigbleibende Staub rieselt leise zu Boden.

Mutti hat Kopfschmerzen, Normalerweise einmal im Monat, sagt er. Und heute ist dieser Tag, sagt er. Ich glaube nicht an Zufaelle und denke, dass es sich um post-operative Schmerzen handelt. Mit einem gluehenden Feuerhaken haben die Erstsemester, unter Anleitung ihres inzwischen erblindeten Professors, den Fliegenpilz aus seinem Kopf geloetet. Eine Haelfte des Gehirns konnte gerettet werden. Der entstandene Hohlraum wird mit Bauschaum verfuellt. Mann, was da so reingeht. Zwei Industriekartuschen.

Die Grundfunktionen wie freihaendiges Gehen und MoFa fahren scheinen erhalten geblieben. Die erweiterten Einstellungen wie sinnvolle Kommunikation testen wir spaeter. Notiz an mich: Streiche sinnvoll! War vorher auch nicht vorhanden. Und besser geworden ist’s sicher nicht. Vorsichtshalber fange ich an, lauter mit Mutti zu sprechen. Klappt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die wirklich alles entfernt haben. Er faselt immernoch von super Wetter.

Beim Einsetzen meiner Ohrenstoepsel passiert ein Malheur. Einer der beiden faellt in meinen Kopf. Seit wann gibt’s da einen Hohlraum? Ich nehme mein Handfunkgeraet und mache damit ein MRT von meinem Kopf. Tatsaechlich. Das iPhone luegt nicht. Da fehlt was, ein taubeneigrosses Stueck. Mir schwant Boeses. Haben Sie tatsaechlich die Haelfte von Mutti’s Gehirn retten koennen? Und wenn ja, welche Haelfte? Die leere? Oder bin ich unfreiwillig zum Spender geworden? Naja, wuesste Mutti auch mal, wie toll es ist, ich zu sein. Und ich koennte mich mit mir unterhalten. Ich muss unbedingt darauf achten, ob er sich in den naechsten Tage meinem Verhalten anpasst.

Aber erst mal weg hier. Mutti muss gleich tanken, aber nicht unbedingt an der ersten Tanke. Dumm nur, dass die erste anscheinend auch die letzte war. Das merken wir ca 10km hinter der Stadtgrenze. Inge, unser Navi, weigert sich, sinnvolle Vorschlaege zu machen. Das Benzin reicht nur noch fuer 70km. Mutti’s Kopf ist eine einzige Schweissperle. Der trockene Sahara-Wind leckt gierig daran. Mit gut Zureden spuckt meine Inge eine Tankstation in 39,95km aus. Los geht’s. Nach nur 20km finden wir sogar noch eine, die nicht verzeichnet ist. Moment, das ist die falsche!!! Ausgedoerrt zanken wir uns um die Zapfpistole, trinken am Ende aber gleichzeitig vom kuehlen Nass. Das spart Energie, nur ein Bezahlvorgang. Wir sind Umweltaktivisten!

Die Pausen nutze ich zum Bloggen.

Das macht Spass, spart Zeit und ist gesund. Hoffentlich habe ich genuegend Unterhosen dabei. Ich mache mir vor Lachen naemlich dauernd in die Hose.

Einige Zeit spaeter mache ich die ersten Tests mit Mutti.

„Guck mal freundlich!“,

„Trink Deinen Saft!“ und

„Runter von der Strasse!“
klappen schon ganz gut. Oh Mann. Wer in naechster Zeit mit ihm zu tun hat, sollte zu Beginn der Unterhaltung immer seinen Namen dazusagen und woher man sich kennt. Langsames und lautes Sprechen sollte Mutti zusaetzlich dabei helfen, sich zwischen normalen Menschen zurechtzufinden.

Ich bin ganz schoen fertig. Allein in Nordschweden. Zur Beruhigung zaehle ich die vorbeifahrenden Autos. Wie erklaere ich das bloss Nadine?

„Muetze aufsetzen!“.

Okay, ich spiel mal mit. Wer hatte das Hotel gleich ausgesucht? Mutti, oder? „Ba ba ba.“ Perfekte Antwort, danke. Bis ich ihn wieder zurueckgeben muss, sind ja noch paar Tage. Kriegen wir schon wieder hin. Sie wird bestimmt nix merken.

Und dann passiert es, ICH treffe eine Fehlentscheidung und fahre, auf der Suche nach einem Platz zum Pausieren, in den Wuestensand. Ende im Gelaende.

Aber Mutti kommt und rettet mich. Er hebt mich, zusammen mit meinem MoFa, aus der ausweglosen Situation, stellt mich auf den festen Waldboden und gibt mir einen vorsichtigen Schubser. Ich bin wieder frei. Danke Mutti.

Die Ernuechterung stellt sich bei Ankunft an unserem heutigen Etappenziel ein. Nach gut 500km und 9h stehen wir vor diesem Hotel.

Wir haben auch sofort den Haupteingang gefunden. Darauf steht ‚Anno 1878‘. Seitdem ist hier aber auch nichts mehr gemacht worden. Wir lassen uns mit dem per Mail erhaltenen Tuercode selbst ein. Am Empfang erwartet uns …

… Mutti???
Welches Schweinderl haetten’s denn gern? Hier stimmt doch was nicht. Ich muss nachher noch mal in seinen Kopf leuchten. Auf dem Tresen findet er unsere Zimmerschluessel. Wir steigen die aechzende Treppe hoch und tauchen in eine andere Welt ein.

Sind wir gerade die Treppe nach oben gegangen? Oder war das Einbildung? Die Zellenschluessel passen. Und von drinnen ist auch eine Klinke angebaut. Ich atme tief durch. Wir scheinen die einzigen Insassen zu sein. Hinter uns schliessen sich die Zellentueren. Der Waerter schreit: „Zapfenstreich!“. Die Lichter gehen aus.

Gute Nacht!

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