Strandsegeln

Guten Morgen, wie angekuendigt, kommt der letzte Post mit einem Tag Verspaetung, da wir gestern vom Planungsziel geringfuegig abgewichen sind.

24 Stunden zuvor
Puenktlich um 06:00 klingelt der Wecker. Der vorletzte Tag der Reise beginnt. Und so sieht das perfekte Eibrot aus.

Auf dem Weg zur Oeresundbruecke bei Malmö kommen wir in Suedschweden vorbei. Unser Freund Kommissar Wallander ist aber leider verhindert, weil er gerade einen neuen Kunden „an Land zieht“. Also lassen wir Ystad links liegen und fahren weiter gen Westen. Von links kommt auch der Wind. Wenn man den Windsaecken glauben darf, kaempfen wir mit boeigen Winden von mehr als 25kt. 3 rote und 2 weisse Ringe, die maximale Anzeigeleistung ist ueberschritten. Das macht keinen Spass. Die Propellerspitzen der Windraeder entlang der Strecke schneiden beinahe mit Ultraschall durch die Luft. Randwirbel loesen sich in lustigen Mustern. Die hin und wieder auftretenden Verdichtungsstoesse erinnern an das Klackern von Kastanietten. Wir werden durchgeschuettelt wie Rag dolls. Nach nur einer Stunde unter diesen Bedingungen haben unsere Koerper gleich drei Choreographien gelernt. Waehrend der Kopf inzwischen fehlerfrei „Ooops, I did it again“ von Britney Spears tanzt, performen unsere elastischen Koerper einen Lionel Richie Song. Der Titel will mir gerade nicht einfallen. Der Rest, von der Huefte abwaerts, ist durch die anspruchsvollste aller Schrittfolgen ueberhaupt beschaeftigt. Die Entspannungsmusik aus dem China-Restaurant.

Derart vorbereitet, starten wir mit besten Voraussetzungen in den Limbo-Wettbewerb, der zufaellig an der naechsten Tankstelle ausgetragen wird. Haushoch ueberlegen, werden wir leider wegen falscher Sportbekleidung disqualifiziert. Schade. Der Versuch die Oeresundbruecke zu fotografieren geht in die Hose, da es keine Aussichtsplattform gibt, weder auf schwedischer noch daenischer Seite. Also geht´s weiter. Inzwischen Richtung Sueden. Entgegen den Erwartungen der Leserschaft, haben wir uns entschieden, die Faehre von Roedby nach Puttgarden zu besteigen.

Beim Warten auf das Boarding tauschen wir mit einem aelteren Motorradfahrerpaerchen aus Norwegen etwas Anglerlatein aus. Die beiden sind 60+ und fahren mit zwei MoFas nach Wismar. Unsere angeregte Unterhaltung wird jaeh vom Pfiff des Einweisers unterbrochen. Er tanzt uns das Boarding-Prozedere vor und marschiert den Taktstab schwingend zwischen den Reihen der Wartenden hindurch. Auf der Faehre ist es dann an uns, herauszufinden, wie die MoFas an die Boardwand angehaengt werden, damit sie nicht umfallen. Zum Glueck geht die Faehre puenktlich ab, so dass wir noch unseren Anschlusszug auf Fehmarn erreichen. Unser naechstes Boot, wartet schon auf uns. Zu meiner Freude handelt es sich um ein Typ205 Tauchboot der Deutschen Bundesmarine. Der Tag ist gerettet.

Ich gehe direkt mal an Bord und bereite alles fuer die Abfahrt vor. Morgen soll es wieder Regen geben. Vorne unten 10, hinten oben 5. Los geht´s.

SU streikt. Notausblasen! Wieder oben. Wir fahren doch mit den Mopeten weiter.

Ziel der heutigen Etappe ist Luebeck. Leider verpassen wir im Tran die richtige Abfahrt. Und so bleibt uns nichts anderes uebrig, als die morgige Tagesration an Kilometern heute schon aufzubrauchen. Ist zum Glueck sehr ueberschaubar, etwa 528km oben drauf. Wir haben erst 550km geschafft heute. Und der Muessiggang auf der Faehre laesst uns dastehen wie Urlauber. Passt. Die Restaurant-Empfehlung von SU´s Sohn wird damit leider obsolet. Wir entscheiden uns, eine Pizzeria in der Naehe unserer Marschroute aufzusuchen. Meine liebe Frau berechnet zu Hause derweil mit Geodreieck, Sextant, Aviat und Rechenschieber, dass die Gesamtstrecke heute bei 1154km liegt. Das kann sich sehen lassen und ist ein wuerdiger Abschluss fuer eine von Rekorden gepraegte Reise rund um die Ostsee.

Wir sind um 06:00 aufgestanden, um 08:00 auf den Bock geklettert und nachts um 01:00 mit einem Grinsen im Gesicht aus dem Sattel gerutscht. Am Ende haben wir 7394,7km auf SU´s Uhr stehen. Auf meiner stehen fast 200km mehr. Das kommt, weil ich morgens immer noch schnell Broetchen holen gefahren bin. Davon hat mein treuer Reisebegleiter aber gar nichts bemerkt.

Haben wir irgendetwas gelernt? Ja, es gibt immer ein naechstes Mal. Und naechstes mal sind die Tagesetappen etwas kuerzer, damit wir mehr durch´s Gemuese fahren und in unseren tollen Helinox Campingstuehlen herumfaulenzen koennen. Hatten wir unnuetzes Zeug dabei? Ja, leider muss ich zugeben, dass der Lenkdrache und das Fernglas nicht zum Einsatz kamen. Auch die Wundcreme fuer den Hintern kam nicht zum Einsatz. Aber das ist auch besser so. Wir haetten es nicht gemocht!

Ein herzliches Dankeschoen schicken wir hiermit an unseren lieben Frauen, die es ausgezeichnet verstanden haben, den Zoo in Schaafheim am Laufen zu halten. Ohne Euch waere das nicht gegangen. Ihr macht was mit uns mit! Danke. Wir haben viel erlebt, viel Spass gehabt und Blut geleckt. Glaubt es oder auch nicht, ich haette mich heute morgen schon wieder auf´s Mofa setzen koennen. Und SU geht´s genauso.

Zu guter letzt will ich noch einmal auf die Frage antworten, ob wir denn nun Helden sind. Die kurze wie auch wissenschaftliche Antwort lautet: JA, WIR SIND HELDEN!

Bis zum naechsten Mal. Gute Nacht!

Heute keine Vorstellung

Da wir aus Versehen an der Abfahrt fuer heute Nacht vorbeigerauscht sind, haengen wir die Etappe vom morgen gleich noch mit dran.

Daher gibt’s erst morgen wieder was auf die Augen.

Gute Nacht!

Ledernacken

Um 06:30 bebt die Erde, mein Zelt vibriert! Feueralarm? Nein, war lediglich mein Wecker. Ich lausche in die Nacht und hoere nur das sanfte Rauschen des Windes, das Klappern der Campingplatzfahnen und einen Idioten, der vergebens versucht, seinen Motorroller in Gang zu kriegen. SU scheint noch zu schlafen. Kann ich mich also wieder umdrehen. 2min spaeter bin ich vollends ausgeruht und frisch wie der Morgentau. Heute bin ich mal Erster!

Schnell noch meinen Blogeintrag von gestern checken. Mann weiss ja am Tag danach nie, was da alles so drin steht. Alles ok. Ah, Sa🐝hat wieder geschrieben. Und sie macht sich Sorgen um meine Ernaehrung.

Liebe Sa🐝, Du hast meine missliche Lage erkannt. Aber keine Sorge, ich bin inzwischen wieder gut versorgt. Die Skorbut hat mich hoechstens fuenf Zaehne gekostet. Der kleine Streifzug durch den Supermarkt hat durchaus Fruechte getragen. Ein Riesen-Corny-Riegel mit Bananengeschmack sollte den von Dir befuerchteten Mangel an Vitamin C verhindern. Ausserdem waren wir am Abend lecker essen. Nachdem ich durch die brennenden Zwiebelringe gehechtet, durch Mayo und Ketchup getaucht und ueber gueldene Pommes gesprungen bin, konnte ich nicht mehr. Den gesunden Hauptgang aus hauchduenn geschnittenem argentinischen Angus mit einer Kruste aus Cerealien an Eisbergsalat und anderem frischen Gemuese aus der Region, zusammengehalten von einem vitaminreichen Kleber, bestehend aus E10, E85, Super95, E121, Eiweiss und Spuren vom Nuessen, habe ich beim besten Willen nicht mehr geschafft. Dafuer hab ich ihn mitgenommen und heute morgen zum Fruehstueck verdrueckt. Mmmm, lecker.

Als ich meine Wohnungstuer aufmache, erwartet mich ein Blitzlichtgewitter. Der Blog hat uns beruehmt gemacht. Yippee!

Nein, ist nur SU. Und ich bin wohl doch wieder nur Zweiter. So’n Mist.

Die Nacht war kein Zuckerschlecken. Ich wurde von Wadenkraempfen heimgesucht. Nach 8h noch immer wach liegend, stellte ich eine unangenehme Mindertemperatur im Fuss- und Lendenwirbelsaeulenbereich fest. Mein Entschluss stand fest. Ich muss mir jetzt was anziehen. Mein Merino-Schaf schlaeft aber ausserhalb des Schlafsacks. Also fummele ich mit meinen Zehen von innen am Reissverschluss herum, um den Schlafsack am seitlichen Eingriff zu oeffnen. Diese unvermittelte Bewegung loest leider ganz vermittelt einen mittelschweren Wadenkrampf aus. Stoehnend rolle ich auf dem Bett herum und bemerke nicht, wie ich mich dem Abgrund naehere. Zu spaet, ich falle. Ich versuche, mich im Fallen katzengleich um die eigene Achse zu drehen, um bloss auf den Fuessen zu landen. Mein Leben zieht an meinem geistigen Auge vorbei. Es war ein tolles Leben.

Ich habe Glueck und ueberlebe aufgrund der Drehung den Sturz aus 5cm von der ISO-Matte mit leichten Verletzungen. Nicht ganz einfach im Wurstsaitling. Mit ISO-Norm hat das nix zu tun, kein Gelaender, keine Warnschilder. Der Wadenkrampf ist fort. Dafuer krampft jetzt mein Oberschenkel.

Als ich alles ueberstanden habe klingelt der Wecker und ich haue mich fuer 2min noch mal richtig auf’s Ohr.

Der Tag kann anfangen. SU geniesst die Show!

Hatte ich schon erwaehnt, dass er gestern Abend den Golfrasen ruiniert hat?

Bei der Platzuebergabe an den Vermieter reden wir uns mit dem Versprechen etwas gruene Farbe fuer die Renovierung im Supermarkt holen zu muessen galant heraus und verschwinden.

Wir fahren nur knapp an Vimmerby vorbei. Dort befindet sich der Astrid-Lindgren-Park. Ich habe gebeten und gebettelt. Aber Mutti bleibt hart. Wir haben doch keine Zeit. Im Vorbeifahren sehe ich, wie klein Ida in 55m Hoehe am Fahnenmast haengt, kopfueber. Die urspruenglich zur Befestigung vorgesehene Halskette scheint gerissen. Und sie haengt nur noch am Schluepfergummi. Ich rufe Michel aus Loenneberga zu, dass er sie vorsichtig herablassen soll. Doch er hoert mich nicht, denn die Beiden muessen inzwischen ja weit ueber achtzig sein. Spaeter faellt mir ein, dass Michel auf schwedisch Emil heisst.

Nach ca. 250km machen wir die erste Pause. Das sind mehr Kilometer als ich mit meinem letzten MoFa mit einer Tankfuellung geschafft habe. Aber wird sind in Sicherheit. Da es nur wenige freie Plaetze gibt, muessen wir unsere eigenen Sessel mitbringen.

SU liest den gestrigen Blogeintrag und schreibt sich auf, wie es wirklich war. Ich bekomme meinen eigenen Tisch.

Danach besprechen wir die neuesten Erkenntnisse der Reifenforschung. Ich erklaere SU sehr bildlich den Unterschied zwischen der Ideallinie und einer Banane.

Aber nun zur Frage der Fragen. Wie sieht es mit unseren ledernen Hintern aus? Wir haben eine natuerliche Loesung gefunden. Nein, nicht cremen. Die Idee kam mir unter der Dusche. Wie waere es, wenn wir mal nur Gesicht und Beine rasieren wuerden? Den Rest ueberlasse ich Eurer Phantasie!

Gute Nacht!

Ich will so sein wie Du

Das erste, was ich von SU heute morgen hoere, sind 11,5 Grad. Kein Super? Ich stelle mich kurz mit Namen vor. „Ich weiss, ich hab‘ Dich heute morgen in meinem Spiegel gesehen.“ kommt als Antwort. Aha. Er ist zuvorkommend und freundlich, manchmal sogar fast witzig.Was so ein „Taubenei“ doch alles bewirken kann. Gruselig ist es trotzdem als wir uns wie Clo(w)n-Schafe beim Fruehstueck gegenuebersitzen. In Gedanken versunken kauen wir an unseren auf Stufe drei getoasteten Toasts mit Apfelsinenmarmelade herum. Ich hasse Apfelsinenmarmelade. Aber diese Information scheint mit dem „Taubenei“ verschwunden zu sein. Das 8min Ei steht bei jedem rechts. Und den Kaffee trinkt Mutti jetzt auch ohne Milch, dafuer mit Zucker.

Genug davon. Ich bitte von weiteren Mitleidsbekundungen abzusehen. Er fuehlt sich prima. Er hat keine Ahnung. Seine Welt ist in Ordnung. Das Opfer bin ich. Allein in Skandinavien, zu zweit. Und mit mir. Ich muss mich den ganzen Tag ertragen. Egal. Durch die OP sind wir jetzt eine Familie.

Das Wetter ist super. Die Wolkendecke ist endlich mal hell. Und da, ja da. Da bahnen sich tatsaechlich Sonnenstrahlen den Weg durch die Wolkendecke. Balsam fuer unsere geschundenen Seelen. Bis zu 19 Grad steigt das Thermometer heute. Die Felder leuchten. Wir fahren in einem Gemaelde von MichelAngelo dem Horizont entgegen. Fehlen nur die Engel. Den Part uebernehmen wir.

Da wir heute Abend wieder zelten, muessen wir noch ein paar Besorgungen machen. Mutti setzt mich in den Einkaufswagen. Und ich zeige einfach auf die Sachen, die ich haben moechte. Prima.

Ich will so sein, wie Du! Mutti erklaert mir, dass ich toll bin, so wie ich bin. Alles ist wie frueher. Dann erreicht mich diese Nachricht von ihm.

Mir kommen die Traenen. Womit habe ich das verdient?

Wir fahren weiter. Ich stelle meinen Tempomaten auf die hoechste in Schweden maximal zugelassene Maximalgeschwindigkeit ein und lasse mich relaxed in den Sitz sinken. Ich beneide SU nicht, der, in Ermangelung einer automatischen Geschwindigkeitsregelanlage, leider selbst Hand anlegen muss. Gerade geniesse ich den ersten alkoholfreien Cocktail, da rast ein MoFa mit unglaublicher Geschwindigkeit an uns vorbei. Es ist die Polizei. Im Vorbeifahren gruesst er freundlich und empfiehlt uns ein nettes Restaurant im Herzen Stockholms. Den Namen haben wir leider nicht richtig verstanden. Deshalb werden wir nachher erst eine Stadtrundfahrt machen muessen, bis wir ein nettes Plaetzchen am Wasser finden.

Doch vorher machen wir noch einen kleinen Abstecher zu „Arsenalen“, einem beruehmten Panzermuseum in Schweden, um fuer meinen panzerverrueckten Sohn ein Souvenir abzuholen.

So, und jetzt noch schoen einpacken. Von dem da drueben nehm ich nur die Kanone mit. Das muss reichen!

Verdammt, geht nicht ab. Aber dafuer zeigt sie jetzt nach unten. Schiessen sollte man damit besser nicht mehr. Besser, wir fahren mal weiter.

Stockholm ist schoen, eine schoene Katastrophe. Aber wir finden einen Platz am Wasser und geniessen das Wetter und die Aussicht auf die Boote.

Im Dunkeln kommen wir auf dem Zeltplatz suedlich von Stockholm an und verkriechen uns in unsere Zelte. Der Tag war wieder sehr anstrengend. Ich kann nicht mehr. Mutti schlaeft seit Stunden.

Gute Nacht!

Format C: [Enter]

Die Nacht ist ueberstanden. Im Speisesaal wartet Schwester Hildegard, vollstaendiger Name Inge Roswitha Hildegard Hammersson, nur darauf, Mutti anzupfeiffen. Der Tag geht ja gut los. Dabei hatte Mutti doch nur nach einem grossen Teller gefragt. Inge’s Antwort: „Finger weg, fuer Fruehstueck haben wir extra kleine Teller!“. Zurueck in die Reihe.

Inge ist uebrigens kein beliebter Vorname in Skandinavien, auch nicht fuer Jungen. Das sehr aehnlich klingende „Ingen“ ist wider Erwarten nicht die Mehrzahl sondern bezeichnet in den nordgermanischen Sprachen, Bildungsauftrag hiermit erfuellt, das kleine Woertchen „nicht“ oder „kein“!

Ingen GPS Signal oder Ingen Inge, in unserem speziellen Fall, bedeutet also „kein GPS“, oder woertlich uebersetzt: „Kein ausreichender GPS Empfang. Bitte warten Sie, bis die Signalstaerke eine hinreichende Positionsbestimmung ermoeglicht. Vielen Dank fuer Ihr Verstaendnis!“. Nein, ich habe kein Verstaendnis, zumal Mutti das Ganze ja forciert, indem er staendig ueber Inge meckert.

Dafuer ist das Wetter heute nicht schlecht, aber gut auch nicht. Mutti’s viel und gern genutztes „Super“ ermoeglicht leider keine sinnvolle Differenzierung. Und da er seine Qualifikation als Wetterbeobachter anscheinend aus dem Kaugummiautomaten gezogen hat, umreisse ich mal kurz die aktuellen Bedingungen.
Wir haben unglaublich trockene Luft, es knistert schon vor lauter Spannung. Man kann den Strom in der Luft quasi sehen. Das Thermometer ist kaum mehr zu halten und sprengt den einstelligen Bereich bereits so frueh am Morgen. Wir schwitzen bei 11 Grad im Schatten. Der fluessige Bestandteil unserer Reifen diffundiert nach aussen. Noch bevor sich die Tropfen von der Laufflaeche loesen , sind sie verdunstet. Der uebrigbleibende Staub rieselt leise zu Boden.

Mutti hat Kopfschmerzen, Normalerweise einmal im Monat, sagt er. Und heute ist dieser Tag, sagt er. Ich glaube nicht an Zufaelle und denke, dass es sich um post-operative Schmerzen handelt. Mit einem gluehenden Feuerhaken haben die Erstsemester, unter Anleitung ihres inzwischen erblindeten Professors, den Fliegenpilz aus seinem Kopf geloetet. Eine Haelfte des Gehirns konnte gerettet werden. Der entstandene Hohlraum wird mit Bauschaum verfuellt. Mann, was da so reingeht. Zwei Industriekartuschen.

Die Grundfunktionen wie freihaendiges Gehen und MoFa fahren scheinen erhalten geblieben. Die erweiterten Einstellungen wie sinnvolle Kommunikation testen wir spaeter. Notiz an mich: Streiche sinnvoll! War vorher auch nicht vorhanden. Und besser geworden ist’s sicher nicht. Vorsichtshalber fange ich an, lauter mit Mutti zu sprechen. Klappt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die wirklich alles entfernt haben. Er faselt immernoch von super Wetter.

Beim Einsetzen meiner Ohrenstoepsel passiert ein Malheur. Einer der beiden faellt in meinen Kopf. Seit wann gibt’s da einen Hohlraum? Ich nehme mein Handfunkgeraet und mache damit ein MRT von meinem Kopf. Tatsaechlich. Das iPhone luegt nicht. Da fehlt was, ein taubeneigrosses Stueck. Mir schwant Boeses. Haben Sie tatsaechlich die Haelfte von Mutti’s Gehirn retten koennen? Und wenn ja, welche Haelfte? Die leere? Oder bin ich unfreiwillig zum Spender geworden? Naja, wuesste Mutti auch mal, wie toll es ist, ich zu sein. Und ich koennte mich mit mir unterhalten. Ich muss unbedingt darauf achten, ob er sich in den naechsten Tage meinem Verhalten anpasst.

Aber erst mal weg hier. Mutti muss gleich tanken, aber nicht unbedingt an der ersten Tanke. Dumm nur, dass die erste anscheinend auch die letzte war. Das merken wir ca 10km hinter der Stadtgrenze. Inge, unser Navi, weigert sich, sinnvolle Vorschlaege zu machen. Das Benzin reicht nur noch fuer 70km. Mutti’s Kopf ist eine einzige Schweissperle. Der trockene Sahara-Wind leckt gierig daran. Mit gut Zureden spuckt meine Inge eine Tankstation in 39,95km aus. Los geht’s. Nach nur 20km finden wir sogar noch eine, die nicht verzeichnet ist. Moment, das ist die falsche!!! Ausgedoerrt zanken wir uns um die Zapfpistole, trinken am Ende aber gleichzeitig vom kuehlen Nass. Das spart Energie, nur ein Bezahlvorgang. Wir sind Umweltaktivisten!

Die Pausen nutze ich zum Bloggen.

Das macht Spass, spart Zeit und ist gesund. Hoffentlich habe ich genuegend Unterhosen dabei. Ich mache mir vor Lachen naemlich dauernd in die Hose.

Einige Zeit spaeter mache ich die ersten Tests mit Mutti.

„Guck mal freundlich!“,

„Trink Deinen Saft!“ und

„Runter von der Strasse!“
klappen schon ganz gut. Oh Mann. Wer in naechster Zeit mit ihm zu tun hat, sollte zu Beginn der Unterhaltung immer seinen Namen dazusagen und woher man sich kennt. Langsames und lautes Sprechen sollte Mutti zusaetzlich dabei helfen, sich zwischen normalen Menschen zurechtzufinden.

Ich bin ganz schoen fertig. Allein in Nordschweden. Zur Beruhigung zaehle ich die vorbeifahrenden Autos. Wie erklaere ich das bloss Nadine?

„Muetze aufsetzen!“.

Okay, ich spiel mal mit. Wer hatte das Hotel gleich ausgesucht? Mutti, oder? „Ba ba ba.“ Perfekte Antwort, danke. Bis ich ihn wieder zurueckgeben muss, sind ja noch paar Tage. Kriegen wir schon wieder hin. Sie wird bestimmt nix merken.

Und dann passiert es, ICH treffe eine Fehlentscheidung und fahre, auf der Suche nach einem Platz zum Pausieren, in den Wuestensand. Ende im Gelaende.

Aber Mutti kommt und rettet mich. Er hebt mich, zusammen mit meinem MoFa, aus der ausweglosen Situation, stellt mich auf den festen Waldboden und gibt mir einen vorsichtigen Schubser. Ich bin wieder frei. Danke Mutti.

Die Ernuechterung stellt sich bei Ankunft an unserem heutigen Etappenziel ein. Nach gut 500km und 9h stehen wir vor diesem Hotel.

Wir haben auch sofort den Haupteingang gefunden. Darauf steht ‚Anno 1878‘. Seitdem ist hier aber auch nichts mehr gemacht worden. Wir lassen uns mit dem per Mail erhaltenen Tuercode selbst ein. Am Empfang erwartet uns …

… Mutti???
Welches Schweinderl haetten’s denn gern? Hier stimmt doch was nicht. Ich muss nachher noch mal in seinen Kopf leuchten. Auf dem Tresen findet er unsere Zimmerschluessel. Wir steigen die aechzende Treppe hoch und tauchen in eine andere Welt ein.

Sind wir gerade die Treppe nach oben gegangen? Oder war das Einbildung? Die Zellenschluessel passen. Und von drinnen ist auch eine Klinke angebaut. Ich atme tief durch. Wir scheinen die einzigen Insassen zu sein. Hinter uns schliessen sich die Zellentueren. Der Waerter schreit: „Zapfenstreich!“. Die Lichter gehen aus.

Gute Nacht!

Krankenhaustel

Es ist durchaus sehr amüsant zuzusehen, wie der kleine SN versucht, sich vor den Gefahren der Welt und den Unwägbarkeiten des Lebens abzuschotten. Manchmal helfen da auch Möbel. Ich schätze mal, dass er das auch in seinem Zelt schon versucht hat. Leider mit dem Ergebnis, dass er dann nicht mehr mit hinein passt.
Im Hotel jedenfalls sah das schon sehr beeindruckend aus. Aber ein Bollwerk zum Blockieren der Tür hilft nur solange, wie diese Tür auch nach innen aufgeht. Dem war aber nicht so. Ich sag ihm mal nix, er wurde ja nicht überfallen und alles ging gut.

Wir sind jetzt wieder auf Tour und machen ein Päuschen. Die Wolkendecke hält sich hartnäckig und wir hoffen auf ein bisschen Sonne im Laufe des Nachmittags.

Gesetzlich oder Privat?

Beginnen moechte ich heute mit einer kleinen Randbemerkung zu SU’s Gegendarstellung. Es handelt sich bei diesem Blog mitnichten um alternative Fakten. Vielmehr ist dies ein Paradebeispiel fuer investigativen Journalismus und objektive Berichterstattung. Unterschiede in der Wahrnehmung sind moeglicherweise auf den uebermaessigen Genuss einiger Genussmittel zurueckzufuehren.

Den habe ich kurz nach unserer Ausreise aus Russland am Weg stehen sehen, nur etwa zwei Minuten nachdem Mutti da entlanggelaufen ist. Was man nicht sieht, auf der Rueckseite ist ein noch viel groesseres Stueck herausgebissen.

Ich wundere mich, dass die Wirkung so lange anhaelt. Jetzt erklaert sich auch die Missidentifikation des Waschbaeren/ Dachs, oder das permanent falsche Vorhersagen des Wetters! Einmal duerft Ihr raten, was Mutti sowohl gestern als auch heute diesbezueglich wieder versprochen hat!

Die Nacht war einigermassen ruhig. Bei lauschigen 7 Grad ueber Null oeffnen wir heute morgen unsere Zelttueren und werden sofort von mehreren aufgeregt herumtanzenden Mueckenschwaermen begruesst. Davon unbeeindruckt bauen wir unsere Zelte ab und geniessen unser Continental Breakfast, 2 Sandwich-Ecken pro Person, die heute ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben und je eine Dose Eiscafe. Lecker und erfrischend zugleich.

Fuer alle, die es beim letzten Posting aus Versehen ueberlesen haben sollten, WIR HABEN AM POLARKREIS GEZELTET!

Mit unseren in Suhl ausgestellten Hilfsweihnachtsmann-Diplomen machen wir uns nun auf den beschwerlichen Weg zurueck vom Pol. Das Wetter ist umwerfend, nass von unten, bedeckt von oben, quasi der Trockenwaschgang. Die Temperaturen sollen den zweistelligen Bereich heute nicht erreichen. Dafuer werden wir mit tollen Farben entschaedigt.

Unsere Vorraete sind fast vollstaendig aufgebraucht. Aber wir schaffen es bis nach Schweden und finden dort eine Futterstelle. Den Kampf um den besten Platz in der Schlange an der Essensausgabe gewinne ich uebrigens nicht nur nach Punkten.

Der Verlierer wird auf der Stelle ausgestopft. Wegen der feuchten Witterung koennen wir ihn leider nicht mitnehmen. Das empfindliche Fell wuerde es nicht bis nach Schaafheim schaffen, geschweige denn die Stopfwatte.

Kurze Zeit spaeter treffen wir auf die Betriebsmannschaft von Santa Klaus. Rudolf ist nicht dabei, der laesst sich gerade die Nase machen. Aber beim Nachzaehlen stellen wir fest, dass die Ersatzbank nicht mit unterwegs ist, dafuer aber ein Praktikant. Zu erkennen an der weissen Farbe. Koennte allerings auch der Coach sein. Der Schichtfuehrer hat eine Glocke um den Hals.

Bei diesem Meet&Greet faellt uns auf, dass mein Gesicht verschwunden ist.

Nach fast 1h Suche bemerken wir, dass ich einfach nur den Helm verkehrt herum auf habe. Das ist also mein Hinterkopf?! Sieht gut aus!

Die weitere Reise verlaeuft fast ereignislos. Allerdings schwirren einige laestige kleine Fliegen zwischen meinem Gesicht und dem Visir herum. Die haben wir wohl bei den Rentieren mitgenommen. Ich hoffe instaendig, dass die Fliegen nicht da waren, wo ich befuerchte, dass sie waren.

Eine Offroadeinlage wird zur ungeplanten Kraftprobe. Nachdem wir einige Kilometer mutterseelenallein ueber den Wald-Hihgway geglitten sind, verschlimmbessert sich die Piste schlagartig. Eben noch glattplaniert, fahren wir jetzt ueber einen frisch gepflügten Acker. Und da kommt uns auch schon der Schuldige entgegen. In vier Metern Hoehe sitzt der 12-jaehrige Olaf breit grinsend hinter dem Steuer. Mit seiner Hoellenmaschine, zwoelf Meter lang, sechs Meter breit, pfluegt er durch und zieht die oberste Schicht ab. Toll. Er laesst uns 10cm Platz zum Passieren. Die Reifen schlingern durch den Matsch, wie durch Wackelpudding. Eine Ewigkeit spaeter haben wir wieder festen Boden unter den Stollen. Das war verdammt anstrengend.

Das Hotel kommt in Sichtweite. Nach gut 8h sind die 420 Tageskilometer geschafft. Warum steht das Hotel neben der Universitaet? Warum sitzt im Eingangsbereich eine Frau mit abgeklebtem Auge? Warum fragt die Frau am Empfang nach unserer Karte? Nein, American Express ist keine Krankenversicherung! Aber sie nimmt die Karte trotzdem. Ob wir Einzelzimmer und Chefarztbehandlung wollen? Mein Daumen faellt mir wieder ein. Ja, ja, ja, Chefarzt. Bitte!!!

Das hauseigene Restaurant sieht einem Speisesaal nicht unaehnlich, die Fahrstuehle sind seltsam lang/ tief. Auf den Gaengen eine Tuer neben der anderen, in Zweiergruppen.

Die Zimmer verspruehen den Charme von Intensivstation. Das zweite Bett mit dem anderen Patienten wurde scheinbar gerade hinausgetragen. Das Badezimmer ist klinisch rein, der Fussboden und die Waende mit Gummi beschichtet. Unterschiedliche Farbe, dafuer gleiches Muster. Ausfuehrung „easy2clean“!

Neben dem Bett sind alle Anschluesse vorhanden, die man so braucht. Den Sauerstoffanschluss kann ich allerdings nicht finden.

Nachdem ich das Foto gemacht habe, muss ich mit Erschrecken feststellen, dass sich unsere schlimmsten Befuerchtungen bewahrheiten.

Das iPhone luegt nicht! Ich brauche jetzt sofort Sauerstoff! Wir sind im Universitaetskrankenhaus gelandet. Fuer alle die es nicht wissen, das ist eine Art Testgelaende fuer blutige Anfaenger. Oooops, unbeabsichtigtes Wortspiel.
Aengstlich frage ich mich, ob die vielen Menschen im Restaurant „Gaeste“ oder Studenten waren. Ich will die Antwort gar nicht wissen.

Ich schliess erst mal die Tuer ab. Moment….
So, fertig. Das Zimmer wirkt jetzt ganz schoen gross!


Fuer den Fall, dass sie es doch ins Zimmer schaffen, lege ich eine Wunschliste auf den Nachttisch:

  • Daumen links wieder dran machen
  • Nase begradigen
  • Fuss links mit Blut befuellen
  • Fuss rechts Blut nachfuellen
  • Zahn 2-7 ueberkronen

 
Hab ich eigentlich abgeschlossen? Oh mein Gott. Ist das gruselig. Hoffentlich reichen die Fingernaegel bis morgen frueh.

Gute Nacht!

Bad ideas make the best memories

Taeglich erreichen mich Leserbriefe so wie dieser einer langjaehrigen Leserin unseres Anfang 2017 gestarteten Blogs.

Sa🐝 schreibt: 
 
Heute schließe ich euch in mein Gute Nacht Gebet ein 💫 
 
🙏🏼 Lieber Gott,
halte schützend deine Hand
über den Waschbären dort am Straßenrand 
 
den SU gar lieblich füttern wollte
der als Dachs aber vorher schon sterben sollte 
 
vielleicht hat der Dachs beim nächsten mal Glück 🍀
und kommt als Waschbär ins Leben zurück 
 
tröste SU denn ich weiß genau :
echte Waschbären gibt’s in der Fasanerie zu Hanau 
 
Drum mache das Stefan sich bekehrt
und morgen nicht ohne SU weiterfährt 
 
Gute Nacht 😴✨

Die Geschichte hat ein gutes Ende genommen. Die Ostsee wollte Mutti auch nicht haben und hat ihn mit der Flut wieder ausgespuckt. Mit Seetang im Haar, was dem Anblick durchaus foerderlich war, stand Mutti kurze Zeit spaeter im Irish Pub. Haben wir halt schnell noch ein Essen dazu bestellt. Er hatte auch Verstaendnis dafuer, dass ich nichts weiter fuer ihn tun konnte. Mein voller Terminkalender hat mir keine andere Wahl gelassen.

Heute haben wir den ersten Verlust zu beklagen. Mein linker Daumen ist abgefallen. Vom staendigen Kuppeln, Sitzheizung, Griffheizung, Strassenmodus, Offroadmodus, Federung am Bordcomputer einstellen, habe ich mir anscheinend eine Sehnenscheidenentzuendung geholt. Das Handfunkgeraet zu halten bereitet mir Hoellenqualen. Aber egal, wir haben ein Ziel. Und beim MoFa fahren braucht man die Telefonzelle ja nicht festhalten. Die Temperaturen sind zum Glueck so niedrig, dass wir den Daumen einfach in den Seitenkoffer packen koennen. Zum Bloggen wird er wieder zu gebrauchen sein.

In Tornio, kurz vor der Grenze zu Schweden, biegen wir aus Versehen falsch ab. Und kurze Zeit spaeter sind wir am noerdlichen Polarkreis. Was ein zufaelliger Zufall.


Von hier aus sind es nur noch 10min bis zum Nordpol. Und der Weihnachtsmann wohnt eine Abfahrt davor, als nur ca. 5-6min.

Der angesteuerte Campingplatz ist leer und trotz Beleuchtung in der Rezeption nicht besetzt. Am Telefon meldet sich immer nur der AB. Also fahren wir erst mal etwas essen. Danach erreiche ich den Platzwart und er stellt uns verbal eine Greencard aus. Prima.

Abenteuer ARCTIC Camping, so heisst der Platz, kann starten. 1h vor Sonnenuntergang bauen wir die Zelte auf, kaempfen mit Muecken die es bisher, abgesehen vom Campingplatz in Polen, nirgends gab und zuenden mit hochamtlicher Erlaubnis unser erstes Lagerfeuer noerdlich des noerdlichen Polarkreises an.

Erwartungsgemaess lodert das Feuer nach wenigen Sekunden meterhoch. Und da die Finnen was von Holz verstehen, ist das auch wunderbar trocken, qualmt nicht und funkt auch kaum.

Wir sind da, wo der Weihnachtsmann nur mit Sitzheizung hinfaehrt und campen noerdlich des Polarkreises. Um das jetzt noch mal zusammenzufassen, wir sind Helden!

Gute Nacht!

Gegendarstellung und Aufruf

Nun ist es wohl an der Zeit dass ich, SU, mich auch mal zu Wort melde.
Wir sitzen gerade gemeinsam am Arctic Circle, SN hat heldenhaft ein Feuer entzündet, und bloggen um die Wette.

Nun ich sag mal, es ist unglaublich schwer, gutes Personal zu finden. Da nimmt man sich seine eigene Sekretärin mit auf Tour, gibt ihr ein paar einfache Aufgaben wie Tippen, Kurs, Geschwindigkeit und Fr… halten. Und was kommt dabei raus? SN…
Etwas muss ich ihm ja zu Gute halten. Kreativ ist er. Außer Donald T. gibt es wahrscheinlich niemanden auf der Welt, der sich so gut alternative Fakten ausdenken kann wie er.

Nehmen wir mal die kleinen Taiwanesinnen. Klar haben sich die älteren Damen auf meinen Wingman gestürzt. Klar wollten sie unglaublich viele Fotos mit und von ihm. Wahrscheinlich hätten sie ihn auch gern mit nach Hause genommen und in ihre Vitrine gestellt. Matrioschkas passen da ja schließlich auch von der Größe her hinein.
Aber schauen wir mal auf die Details hinter dem ganzen Treiben, sehen wir, dass ich zwar hinter der Scheibe in der Raststätte stehe und zuschaue, sicher auch mit Tränen in den Augen, jedoch aus anderen Gründen. Die Horde Damen habe ich geschickt und immer wieder dazu aufgefordert, nur ja nicht mit den Fotos aufzuhören. Ziel der ganzen Sache war, SN vom dringlichen Klogang abzuhalten. Da kann man schonmal das ein oder andere Tränchen verdrücken, vor Lachen. Hat funktioniert.
Oder der Dachs: Ich gebe zu, erst auf den zweiten Blick erkannt zu haben, um was für ein Tier es sich handelt. Aber tot war er von Anfang an, den brauchte ich nicht füttern. Dann haben wir uns gemeinsam darauf geeinigt, dass es ein Waschbär ist, haben ihn fotografiert und damit unseren Auftrag erfüllt. Soviel dazu.
In etwa so kann man sich auch den Rest unserer gemeinsamen Reise vorstellen. Wie ihr seht, durchaus anspruchsvoll.

Da ich jeden Tag darauf bestehe, dass wir pünktlich losfahren, sind wir auch voll im Plan. Muddi hin, Muddi her. Dadurch haben wir uns ein paar Kilometer extra gönnen können und sitzen jetzt am Polarkreis. Ist doch was.

Ich gebe es nur ungern zu, aber wir vertragen uns schon recht gut. Solange wir stundenlang ohne ein Wort durch die Welt fahren und jeder sein eigenes Zimmer im Hotel hat, klappt alles hervorragend.

Nun noch ein Aufruf in eigener Sache

Mich würde es sehr interessieren, wer unseren Blog eigentlich so alles mitliest. Ich tippe auf maximal vier Leute. Aber vielleicht sind es sogar fünf.
Deshalb bitte ich jeden von euch, einen kurzen Kommentar zu hinterlassen. Es reicht ein Wort oder eure Initialen. Namen sind nicht nötig. Ist ja alles im Internetz. Dann kann ich mal durchzählen und SN ein bisschen unter Druck setzen, sich mehr anzustrengen.

In diesem Sinn, vielen Dank und gute Nacht.

Kurven sind aus

Gestern Abend habe ich mir den Luxus gegoennt, frueh ins Bett zu gehen. Das tat richtig gut. Einmal Nirvana und zurueck. Da wir zum Fruehstueck verabredet sind, das aber erst um 08:30, kann ich endlich mal zu einer humanen Zeit aufstehen und bekomme 8,5h Schlaf. Bisher sind wir immer zwischen 06:00-06:30 aufgestanden. Seit Litauen entspricht das 05:00-05:30 deutscher Zeit. Ich bin ein neuer Mensch.

Heute morgen geht mein erster Blick natuerlich gen Himmel. Grau. Aber es ist trocken. Das ist doch schon mal was.

Um 08:30 treffen wir zufaellig ein deutsches Paerchen. Sie arbeiten beide hier in Rauma an einem Grossprojekt eines franzoesischen Energieversorgers. Noch zufaelliger ist, dass sie auch aus Schaafheim sind. Und ich kenne sie sogar. Es sind unsere Nachbarn Gritt und Marco. Was ein Zufall. Schaafheim ist ueberall.

Und da mein kleiner Sohn darum gebeten hat, dass ich Gritt ganz doll von ihm druecke, tue ich das und druecke sie ganz doll von ihm. Wir tauschen etwas Klatsch und Tratsch aus.

Und kaum dass wir warm geworden sind, beginnt SU, den Minutenzeiger vorzudrehen. “ Dann wollen wir jetzt mal.“, „Wir muessen los.“, „Wir haben noch was vor uns.“
Das geht mir auf den Zeiger! „Ja Mutti!“

Wegen der spaeten Abfahrtzeit, es ist schon 10:00, bleiben wir heute auf der Europastrasse. Wie an einer Schnur gezogen laeuft die Strasse ohne jegliche Biegungen von Sued nach Nord. Kurven waren aus. Es geht nuuuuur geradeaus. Dafuer ist noch Wasser da. Heute allerdings mal nicht auf der Strasse.
Angenehm will es trotzdem nicht werden. Die Temperaturen bleiben bei geschlossener Wolkendecke nur knapp im zweistelligen Bereich. Die Griffheizung verbraucht 3L/100km, die Sitzheizung auch noch mal. Sind 6L/100km. Der Gesamtverbrauch hat sich inzwischen bei ca 5,5L/100km. Wenn ich also ohne Heizung auskaeme, wuerde ich am Ende noch was rauskriegen. Wow!

Den „Point of no return“ haben wir heute morgen mit unserer Abreise aus Rauma ueberschritten. SU wollte noch ein Foto davon machen. Aber da war nix zu sehen. Ab jetzt ist eine Umkehr also nicht mehr moeglich. Wir muessen das durchziehen. Der Sprit wuerde auch gar nicht fuer den Rueckweg reichen. Laut Inge haben wir schon 3911km geschafft.

8h und 420km spaeter, bei unserer Ankunft im Hotel nahe Kalajoki, muss ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass SU mal wieder ein glueckliches Haendchen hatte. Zimmer mit guten 6m Fensterfront zum Meer und einer eingeglasten Terrasse mit Heizstrahlern und Korbmoebeln.

Was will man mehr? Eine warme Dusche vielleicht. Also erst mal alle Klamotten fallen lassen und noch einen Blick auf’s Meer werfen. Die Bude ist wegen der Foto-Session noch hell erleuchtet. Und draussen marschieren in ca 50m Entfernung zwei Frauen in Laufkleidung auf einem hoelzernen Steg durch die zum Strand hin abfallenden Duenen. Den Weg hatte ich vorher noch gar nicht bemerkt. Und warum schauen die so interessiert hoch? Achso, die koennen mich sehen. Egal. Moment, da war doch was. Achso, ich hab ja gar nix mehr an. Oooops. Na jetzt sind sie vorbei. Ab in die Dusche.
Als ich wieder aus der Dusche komme, loesen sich die Fliesen wie das bunte Laub der Baeume im lauen Herbstwind und gleiten in sanften Pendelbewegungen zu Boden. Nein, das stimmt natuerlich nicht, aber es liest sich gut.

Gegessen wird heute ausserhalb, da das Hotel alles verfuegbare Geld der Investoren in die Zimmer und das Meer gesteckt hat. Fuer ein Restaurant war keines mehr uebrig. Aber vor dem Vergnuegen kommt die Arbeit. Wir muessen laufen, weit, sehr weit. SU kann es natuerlich gar nicht weit genug sein. Also machen wir noch einen Familienausflug zum Strand.

Ich nutze die Gelegenheit fuer ein kleines Bad in der Ostsee, waehrend „Mutti“ mir geduldig zuschaut. Wer kann schon behaupten, dass er so weit im Norden bereits mal baden war.

Wir laufen auf einer schmalen Sandbank gefuehlte 10km ins Meer hinein, umgeben von Wassermassen.

Auf dem Rueckweg fasse ich mir ein Herz und erzaehle „Mutti“ die Wahrheit ueber den Waschbaeren. Keine gute Idee.

Das ist das Ergebnis. War schoen mit Dir, „Mutti“. Aber jetzt muss ich weg. Ich stell noch ein Schild auf „Bitte nicht drauftreten! Liegenlassen!“. Dann gehe ich zum Abendessen. Morgen wird wohl ein recht stiller Tag werden.

Gute Nacht!