Kurven sind aus

Gestern Abend habe ich mir den Luxus gegoennt, frueh ins Bett zu gehen. Das tat richtig gut. Einmal Nirvana und zurueck. Da wir zum Fruehstueck verabredet sind, das aber erst um 08:30, kann ich endlich mal zu einer humanen Zeit aufstehen und bekomme 8,5h Schlaf. Bisher sind wir immer zwischen 06:00-06:30 aufgestanden. Seit Litauen entspricht das 05:00-05:30 deutscher Zeit. Ich bin ein neuer Mensch.

Heute morgen geht mein erster Blick natuerlich gen Himmel. Grau. Aber es ist trocken. Das ist doch schon mal was.

Um 08:30 treffen wir zufaellig ein deutsches Paerchen. Sie arbeiten beide hier in Rauma an einem Grossprojekt eines franzoesischen Energieversorgers. Noch zufaelliger ist, dass sie auch aus Schaafheim sind. Und ich kenne sie sogar. Es sind unsere Nachbarn Gritt und Marco. Was ein Zufall. Schaafheim ist ueberall.

Und da mein kleiner Sohn darum gebeten hat, dass ich Gritt ganz doll von ihm druecke, tue ich das und druecke sie ganz doll von ihm. Wir tauschen etwas Klatsch und Tratsch aus.

Und kaum dass wir warm geworden sind, beginnt SU, den Minutenzeiger vorzudrehen. “ Dann wollen wir jetzt mal.“, „Wir muessen los.“, „Wir haben noch was vor uns.“
Das geht mir auf den Zeiger! „Ja Mutti!“

Wegen der spaeten Abfahrtzeit, es ist schon 10:00, bleiben wir heute auf der Europastrasse. Wie an einer Schnur gezogen laeuft die Strasse ohne jegliche Biegungen von Sued nach Nord. Kurven waren aus. Es geht nuuuuur geradeaus. Dafuer ist noch Wasser da. Heute allerdings mal nicht auf der Strasse.
Angenehm will es trotzdem nicht werden. Die Temperaturen bleiben bei geschlossener Wolkendecke nur knapp im zweistelligen Bereich. Die Griffheizung verbraucht 3L/100km, die Sitzheizung auch noch mal. Sind 6L/100km. Der Gesamtverbrauch hat sich inzwischen bei ca 5,5L/100km. Wenn ich also ohne Heizung auskaeme, wuerde ich am Ende noch was rauskriegen. Wow!

Den „Point of no return“ haben wir heute morgen mit unserer Abreise aus Rauma ueberschritten. SU wollte noch ein Foto davon machen. Aber da war nix zu sehen. Ab jetzt ist eine Umkehr also nicht mehr moeglich. Wir muessen das durchziehen. Der Sprit wuerde auch gar nicht fuer den Rueckweg reichen. Laut Inge haben wir schon 3911km geschafft.

8h und 420km spaeter, bei unserer Ankunft im Hotel nahe Kalajoki, muss ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass SU mal wieder ein glueckliches Haendchen hatte. Zimmer mit guten 6m Fensterfront zum Meer und einer eingeglasten Terrasse mit Heizstrahlern und Korbmoebeln.

Was will man mehr? Eine warme Dusche vielleicht. Also erst mal alle Klamotten fallen lassen und noch einen Blick auf’s Meer werfen. Die Bude ist wegen der Foto-Session noch hell erleuchtet. Und draussen marschieren in ca 50m Entfernung zwei Frauen in Laufkleidung auf einem hoelzernen Steg durch die zum Strand hin abfallenden Duenen. Den Weg hatte ich vorher noch gar nicht bemerkt. Und warum schauen die so interessiert hoch? Achso, die koennen mich sehen. Egal. Moment, da war doch was. Achso, ich hab ja gar nix mehr an. Oooops. Na jetzt sind sie vorbei. Ab in die Dusche.
Als ich wieder aus der Dusche komme, loesen sich die Fliesen wie das bunte Laub der Baeume im lauen Herbstwind und gleiten in sanften Pendelbewegungen zu Boden. Nein, das stimmt natuerlich nicht, aber es liest sich gut.

Gegessen wird heute ausserhalb, da das Hotel alles verfuegbare Geld der Investoren in die Zimmer und das Meer gesteckt hat. Fuer ein Restaurant war keines mehr uebrig. Aber vor dem Vergnuegen kommt die Arbeit. Wir muessen laufen, weit, sehr weit. SU kann es natuerlich gar nicht weit genug sein. Also machen wir noch einen Familienausflug zum Strand.

Ich nutze die Gelegenheit fuer ein kleines Bad in der Ostsee, waehrend „Mutti“ mir geduldig zuschaut. Wer kann schon behaupten, dass er so weit im Norden bereits mal baden war.

Wir laufen auf einer schmalen Sandbank gefuehlte 10km ins Meer hinein, umgeben von Wassermassen.

Auf dem Rueckweg fasse ich mir ein Herz und erzaehle „Mutti“ die Wahrheit ueber den Waschbaeren. Keine gute Idee.

Das ist das Ergebnis. War schoen mit Dir, „Mutti“. Aber jetzt muss ich weg. Ich stell noch ein Schild auf „Bitte nicht drauftreten! Liegenlassen!“. Dann gehe ich zum Abendessen. Morgen wird wohl ein recht stiller Tag werden.

Gute Nacht!

Wieviele Gaenge braucht der Mensch

Jeden Abend verspricht SU, dass morgen das Wetter toll wird. Und wie alle letzten Tage beginnt auch dieser mit einem zweistuendigen Waschgang. Dumm nur, dass irgendjemand immer wieder auf’s Neue den Startknopf drueckt. Das schmeckt mir nicht. Scheibenreinigerzusatz ist ekelig und sicher nicht gesund. Weichspueler ist zum Glueck nicht dabei. Meine Haut ist zart genug. Die Temperatur ist auf 10 Grad eingestellt, um die empfindlichen Materialien zu schonen. Wer fragt schon nach uns? Um Zeit zu sparen, wird die Trocknung in Form heftiger Windboen zeitgleich eingeschaltet. Der Ansatz ist durchaus verstaendlich, in diesem speziellen Spezialfall aber wenig zielfuehrend.

Apropos Zielfuehrung, ich habe SU gewarnt. Aber er hat unsere Navigationsanlage (Inge) pausenlos weiter beschimpft. Das gefiel Inge gar nicht. Und das ist die Quittung.

5km durch den Wald, Sackgasse. Aber wenigstens gut beschildert.

Dafuer treffen wir auf dem Weg in diese landschaftlich schoene Sackgasse einen Waschbaeren. Wer’s nicht weiss, SU’s Frau Nadine hatte Auftrag erteilt, einen zu fotografieren. Nein, nicht mich, einen wild lebenden.

Liebevoll fuettert SU das Tier und gibt ihm einen Namen. Einen sehr schoenen sogar, wie ich finde. Ich traue mich gar nicht, ihm zu sagen, dass das kein Waschbaer sondern ein Dachs ist. Und schon gar nicht, dass er bereits tot ist. Wahrscheinlich totgefuettert von vorbeifahrenden Touristen. Es wuerde ihm das Herz brechen. Aber wir waren’s jedenfalls nicht.

Eine Stunde spaeter sitzen wir in einem romantischen Tankstellenrestaurant und waermen uns auf. Bei der Gelegenheit weinen wir kollektiv den Benzinpreisen aus Russland hinterher. Hatte ich schon erwaehnt, dass dort der Liter Super95 nur ca 55Cent gekostet hat? Ein Traum, und der ist jetzt leider vorbei. SU schaut traurig auf sein Handy und sieht sich das Wetter an. Sein Gesicht erhellt sich und er verkuendet freudestrahlend: „Ab jetzt wird’s super“. Ich schau aus dem Fenster auf das Wetter. 5km Sicht, Wolkenuntergrenze ca 309ft, leichter Regen, die Strasse ein Spiegel. „Jo“, sag ich. Passt. Weiter geht’s, und ich frage mich, wo er sich das Wetter angeschaut hat. Hawaii? Oder ahnt er etwas wegen des Waschbaeren? Ich sag’s ihm jedenfalls nicht.

Waehrend ich noch gruebele, wechselt der Strassenbelag von Asphalt zu Gemuese, nassem Gemuese. Die Piste hat Bundesstrassenausmasse und besteht aus verdichtetem Dreck. Durch den Regen hat sich eine Creme aus Schmierseife gebildet, liebevoll getopt mit Streifen von finnischem Schotter an einer Auswahl von lokalen Kraeutern. Nachdem ich sehe, wie SU durch die Creme schlingert, wechsele ich in meiner Wahl zwischen Pest und Cholera auf die schmalen Schotterstreifen. Auch kein Spass, aber meine bezahnten Reifen beissen sich durch, so gut sie koennen.

Circa 20km vor unserem heutigen Ziel Rauma, wird es endlich trocken. Von oben UND unten. Die Waschmaschine ist aus. Wir und unsere MoFa’s sehen aus wie durch den Schlamm gezogen. Keiner der Waschgaenge hat ein sichtbares Ergebnis hervorgebracht. Und fuer morgen sagt SU wieder super Wetter voraus. Ich hab die Nase voll von super Wetter. Ich will es trocken haben und die Sonne sehen.

Ab ins Hotel. Ich freu mich schon auf die Dusche. Aber da fehlt leider die Haelfte, oder?

Egal, ich brauch jetzt heisses Wasser. Alles ueber 0 Grad ist gut. Und eigentlich ist das Setup gar nicht so schlecht. Koennte MANN gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Meinem Duschbad haben die heutigen Wetterbedingunen auch nicht gefallen. Das Gel ist eiskalt und kommt nur kloetzchenweise aus der Flasche. SU freut sich derweil ueber ganz andere Sachen. Er findet naemlich kein grosses Handtuch und muss sich draussen auf dem Parkplatz trocken laufen, wie damals im Kindergarten zu DDR-Zeiten. Beim Abendessen erklaere ich ihm dann, dass „Flitzer“ in Finnland nix besonderes sind, da hier jeder in einer Sauna wohnt. Sein Einsatz war also umsonst. Zum Glueck hab ich’s nicht mit ansehen muessen. Und ausserdem liegt das grosse Handtuch auf dem Bett!

Er hat’s gefunden!

Die Finnen sind uebrigens, bis auf meinen Erstkontakt an der finnisch-russischen Grenze, sehr nette Menschen. Und sie haben die Ruhe weg. Hier rast keiner. In Helsinki, wunderbare Stadt uebrigens, fahren die Leute auf mehrspurigen Strassen 40km/h. Und warum? Weil das so dran steht, dachte ich zumindest. Aber inzwischen glaube ich zu wissen, dass es an der Sprache liegt. Sie besteht zu 90% aus Vokalen und Umlauten. Jedes Wort hat wenigstens eine Zweiergruppe von Vokalen. Und zum Zaehlen der As und Us braucht man halt etwas mehr Zeit.

Und die nehm ich mir jetzt auch, um mal etwas frueher ins Bett zu kommen.

Gute Nacht!

Der Blogger

Heute blogt er schon zum Mittagessen. In den letzten Tagen kam SN jeden Morgen völlig übernächtigt beim Frühstück an. So kann das echt nicht weitergehen. Deshalb versucht er nun, seine Ideen bereits tagsüber festzuhalten. Er will seine ständig wachsende Leserschaft ja nicht enttäuschen.

How to make friends

SU ist gluecklich. Heute war ein toller Tag fuer ihn. Dazu spaeter mehr.

Waehrend ich gestern bis spaet in die Nacht an meinem Blogeintrag arbeite, um ihn noch rechtzeitig vor Drucklegung fertigzustellen, hoere ich Stimmen im Nachbarzimmer. Als ich vor Erschoepfung ueber meinem noch nicht korrekturgelesenen Artikel einschlafe, hoere ich sie immernoch. Am Morgen beim Aufwachen sind die Stimmen weg. Aber leider nur einen kurzen Moment. In mir reift die Erkenntnis, dass nebenan mindestens 35 Asiatinnen in einem Zimmer einquartiert sind. Keine einzige Maennerstimme ist zu hoeren. Fehlt nur noch die typische China-Restaurant-Musik. Ich hoffe, es handelt sich nicht um die Reisegruppe aus Taiwan.

Wir schleppen unser Gepaeck zum Motorrad. Im Park zwischen den Baeumen huschen lauter kleine Chinesen hin und her. Wir befestigen unser Gepaeck am Motorrad. Die Chinesen haben uns entdeckt. SU taucht ab, um sich zu verstecken und seinen Reifen aufzupumpen. Ein Aufschrei, ein Paerchen loest sich aus der Gruppe und naehert sich neugierig aber Desinteresse spielend. Die hohen Laute, die das Weibchen von sich gibt, verraten den Zustand hoechster Erregung. Das Maennchen wird vehement dazu aufgefordert, Kontakt aufzunehmen. Bestaetigt wird das durch vorsichtiges Vorstossen und beschwichtigende Handgesten, begleitet von tiefem Glucksen. Zur Kontaktaufnahme waehlt das Maennchen den kompetentesten Anwesenden aus und naehert sich weiter. Das Weibchen bleibt in sicherer Entfernung in einer Linie hinter ihm stehen, so dass sie von meiner Position aus nicht sichtbar ist. Ich lasse mich „an-zeichensprechen“. Aus unerkenntlichen Gruenden scheint das Interesse an SU’s MoFa allerdings groesser zu sein als an meinem Motorrad. Seine Chance, die er aber weder erkennt noch wahrnimmt. Also stelle ich den Kontakt her. Das Weibchen schliesst ihn sofort in ihr Mutterherz und beginnt, sich um das Kleine zu kuemmern. Sie zeigt Bilder von zu Hause, darunter auch die Chinesische Mauer. Sie erklaert ihm, dass die Mauer vom Mond aus mit blossem Auge zu erkennen ist. Aber das versteht er leider nicht.

Gequaelt laechelt er in die Kamera. Er ist den Medienrummel nicht gewoehnt. Wie auch? Unter lautem Gegacker verlassen wir den Nistplatz der Asiatinnen.

Fruehstueck am See in Vyborg, Russland. Keine Asiaten in Sicht.Die Strasse empfaengt uns mit offenen Schlagloechern. Es wird immer schlimmer. On Road wird zu Offroad. Unsere Fahrwerke aechzen. Die Grenzen verschwimmen. Das allerdings sehen die Russischen Grenzstreitkraefte naturgemaess etwas anders. Fuer heute haben wir uns vorgenommen, mal nicht aufzufallen. Wir schaffen das anfaenglich auch ganz gut. Aber nach 5min kommt ein junger Mann, Mitte 30. Er spricht fliessend Russisch, ist Russe mit finnischem Pass und gibt uns Tipps, wie wir uns vordraengeln koennnen. Er srpicht sehr gut Englisch und ist Harley-Fahrer. Trotzdem bietet er uns Hilfe an, falls wir mal nach Moskau fahren sollten. Die Kontrolle der MoFas verlaeuft problemlos.
Nicht so in Finnland. Da bekomme ich am „Bahnwaerter-Haeuschen“ zur Begruessumg direkt einen Anpfiff. Ich soll sofort meinen Helm abnehem. Komisch, SU hat seinen noch am Kopf.

Kurz darauf finden wir auf dem Parkplatz eines Gueterhafens einen kleinen Imbiss. Beim Bestellvorgang finden wir zufaellig heraus, dass sie Russin ist. Englisch spricht sie leider nicht. Also leg ich mich ins Zeug und sichere unser Ueberleben. Was wuerde er bloss ohne mich machen. Nach ein wenig Small Talk, strecken wir die Fuesse aus und geniessen die Show der lokalen Motorradfahrschule: Fahruebungen fuer Anfaenger auf dem Roller.

Der Rest des Tages besteht aus Fahren und Essen. Nach 12:30h sind wir in Helsinki angekommen. Allerdings hatten wir heute reichlich Pausen eingebaut und sind ein paar Detours gefahren.

Damit muss ich fuer heute leider Schluss machen. Ich schlafe immer wieder beim Schreiben ein. Es ist schon wieder Mitternacht.

Gute Nacht!

Objects in mirror are closer than they appear

Heute geht’s nach St.Petersburg, Russland. SU’s Puls ist daher schon am fruehen Morgen direkt mit seinem Drehzahlmesser gekoppelt, also permanent im roten Bereich.

Wir verlassen Viimsi [Vii•M•Si], den kleinen Vorort von Tallinn, bei 7 Grad in IMC. Die Ostsee hat uns zurueck. Obwohl es kaum regnet, gleicht die Schnellstrasse einem Meer aus Gischt. Das kann ja heiter werden. Und laut SU tut es das auch, aber erst ab der russischen Grenze. Ueber die kommt es angeblich nicht hinueber. Wir fluechten vor den dunklen Wolken, die aus Westen kommen. Als wir ca 10min Vorsprung herausgefahren haben, halten wir fuer eine kurze Pause und einen Kaffee an der Tankstelle. Vor der Tuer steht ein kleiner Mann mit Mundschutz. Komisch!

Erst mal tanken.

Kaum hab ich mein Motorrad auf die Seite geschoben, bin ich von einer Asiatin umzingelt, die ein Foto mit mir und dem Motorrad machen will. Und danach kommen noch alle ihre Freundinnen. Ich bin beliebt. SU leider nicht. Er steht hinter der Scheibe und schuettelt traurig mit dem Kopf. Zum Abschied schiesst Inge aus Taiwan noch ein Selfie mit meinem Handfunkgeraet, auf dem ich im Hintergrund noch immer von ihren Maedels festgehalten werde. Bei den Dreharbeiten wurde niemand verletzt.

Die Reise geht weiter. Birkenwaelder und Kiefernwaelder wechseln sich ab. Fur mich als Birkenpollenallergiker waere das nix. Neben den Pollen wohnt ja auch noch die Hexe Babajaga dort. Eine Weile spaeter sehen wir, wie am Straßenrand ein paar Arbeiter das Gestruepp und hohes Gras kuerzen. Dumm nur, dass sie dafuer keinen Rasenmaher haben. Die arbeiten doch tatsaechlich mit Rasentrimmern. Und sie haben zu dritt auch schon einen circa 150m langen und 10m breiten Streifen geschafft. Fuer mich als Rasenpollenallergiker waere das nix.

Um 11:30 Uhr kommen wir an der Grenze an. Es stehen auch nur wenige Fahrzeuge vor uns an der Border Station. Wir arbeiten uns langsam voran. Endlich zeigt die Ampel auch fuer uns gruenes Licht. Wir fahren an das Tor. Aber es geht nicht auf. Stattdessen kommt eine Riese an den Zaun und spricht zu uns durch das Gitter. „Sie muessen zurueckfahren zum Anfang des Ortes. Dort auf dem Warteplatz besorgen Sie sich ein rosa Formular.“

Na gut, weil er so nett gefragt hat. Dass er so gross ist, wie wir beide zusammen, hat nichts mit unserer Entscheidung zu tun. Wir fahren zurueck und besorgen das rosa Formular. Das Wetter kommt naeher. Mit dem rosa Formular gehen wir zum naechsten Haeuschen und erhalten … einen Zettel mit einer Nummer. Das ist also unser blaues Formular. Wieder auf die Wildschweine aufgesessen und zur Grenzstation geritten. Die Warteschlange hat sich inzwischen vollgefressen und ist mindestens 4 mal so lang wie bei unserem ersten Versuch. Aber es geht schnell. Nach etwa 20min ist die Ampel gruen und King Kong winkt uns durch. Das Wetter kann kommen. Wir stehen unter einem Dach. Bei Irina, 1,80m gross, Ende Zwanzig, genau SU’s Kragenweite. Sie kann sogar laecheln. Aber nur auf Knopfdruck. 5min und zwanzig Stempel spaeter ist die Schranke hoch.

Wir koennten fahren. Aber ich lasse mir, wie immer, Z•E•I•T. SU meint, das war’s jetzt. Ging ja schnell. Genau, von da an sind’s nur noch 1,5h. Wir fahren auf eine Bruecke im Niemandsland zwischen den Grenzstationen. Wir sind staatenlos, ohne Rechte, in einem rechtsfreien Raum. Hier herrscht das Gesetz des Staerkeren. Wir teilen uns erst mal zwei Cornys.

Es gibt keine Ueberdachung mehr, aber dafuer Regen! Toll. Hmm, hab ich mir anders vorgestellt. Gerade als ich meine Strassenkarte heraushole und neu falte, bewegt sich die Karawane weiter. Wieder mal den Pass zeigen. Und als Belohnung gibt’s zwei Formulare, die gruenen. Moment. Die kennen wir doch schon von der ersten Einreise. Einpacken, weiter geht’s. Da hinten kommt der naechste Schalter. Waehrend wir so anstehen, fuellen wir in der sengenden Sonne bei inzwischen 13 Grad die Formulare aus, die dieses Mal auf Russisch sind. Wir haben ja bei Kaliningrad schon mal geuebt. Noch bevor wir den ueberdachten Schalter erreichen, rollt zwei Spuren neben uns langsam ein Reisebus vor. Und darin sitzen die  kleinen Taiwanesinnen, die mich vor 2h so in ihr Herz geschlossen haben. Sie winken ganz freudig. Leider muss ich weiter, genau zwei Meter. Kurze Zeit spaeter trete ich freudestrahlend an den Schalter und gebe die ausgefuellten Formulare ab. Lydia blaettert durch meinen Pass und findet darin ein winziges Formular mit winzigen Kaestchen, das mit winzigen Buchstaben ausgefuellt werden will. Das muss mir der junge Mann an der letzten Schranke untergejubelt haben! Gelbes Formular auch noch ausfuellen. Fast fertig, nur noch schnell die Nummer vom Visum eintragen. Moment, den Pass mit dem Visum hat Lydia doch behalten. Ich turne also wieder zu ihr, waehrend SU schon zum naechsten Schalter wandert. Wieso ist der immer Erster? Aber dieses Mal hat er auch Pech, gerade als er Irina seinen Pass und die letzten Formulare am letzten Schalter durch’s Fenster reichen will, wird er von Igor aus der Schlange der Wartenden gerissen und zum Motorrad bugsiert. „Oткрытe!“ Igor, der eigentlich Michaela heisst und eine Frau ist, beaeugt argwoehnisch den Inhalt seiner Koffer. Genauso wie der Drogenhund findet aber auch sie nichts! Das gibt mir Zeit aufzuholen. Und siehe da, Asterix und Obelix sind am letzten Schalter wieder gleichauf. Allerdings reicht SU seinen Roman zuerst zum Lektorat durch Irinas Fenster. Sie ist auch ca 1,80m gross, Anfang 30 und mit Sicherheit die russische Zwillingsschwester von Irina auf der estnischen Seite. Im Vergleich zu Irina traegt Irina jedoch ein gruenes Uniformkostuemchen. Genau SU’s Kragenweite. Nur das hier der Knopf fuer’s Laecheln kaputt ist. Bevor er sich ernsthaft in eine verliebt, erklaere ich ihm schnell, dass diese beiden bestimmt ohne Anstrengung eine Melone zwischen ihren Beinen zerquetschen, weil sie taeglich 20km zu fuss zur Arbeit laufen. Das Problem ist geloest, wir fahren zu zweit weiter. Und es ist erst 14:00!

Wir sind wieder in Russland, endlich. SU hat Fragezeichen am Helm. Muessen wir Maut bezahlen? Er vertraut meiner Antwort nicht. Aber 500m weiter steht ein Auto der Rennleitung. Die beiden sind sehr nett und geben die richtige Antwort: „HET“. Uebrigens ist die Rennleitung im gesamten Baltikum sehr aktiv. Die nehmen sogar bei Starkregen und an Sonntagen die Rundenzeiten auf. Und Blitzer gibt es hier wie Sand am Meer. Wuerde niemand merken, wuerde man sich einen fuer zu Hause mitnehmen. Am besten haben mir die in Lettland gefallen. Die sehen aus wie ueberdimensionierte XBox360, in der Mitte talliert, oben und unten schoen abgerundet. Ich will auch so eine! Aber SU hat gesagt, wir haetten keinen Platz mehr. Spielverderber!

Das Fahren selbst macht viel Spass, ist aber nicht ganz ungefaehrlich. Die Strassen sind teilweise sehr abenteuerlich. Schlagloecher in denen man schwimmen gehen koennte stellen die Konzentration und den Gleichgewichtssinn gleichermassen auf die Probe.

Die sind wir dann aber doch nicht lang.

Die Russen fahren wirklich wie die … Hier ueberholt jeder jeden an jeder Stelle. Speedlimits werden hier nur gesetzt. Aufgehoben wird so gut wie nie. Also ist Interpolieren und Interpretieren gefragt. Das Anpassen an den Strom der Einheimischen ist schwierig, da es kein Muster gibt. Der Wille zu Ueberleben ist staerker als der Wunsch, sich an Speedlimits zu halten. Spaetestens dann, wenn der Blinker des nachfolgenden LKW nicht mehr komplett im Rueckspiegel zu sehen ist. Der Staerkere gewinnt. Das war wohl auch der Grund, warum wir in St.Petersburg heute 3 Unfaelle in kurzer Abfolge gesehen haben.

Nach 455km/ ca 09:00h, davon 02:30h an der Grenze, werden wir mit einem tollen Hotel belohnt. Guarded Facility hinter schweren Eisentoren, mitten im Wald, etwa 80km westlich von St.Petersburg.

An der Rezeption kann ich endlich mit meinem Russisch glaenzen. Und SU versteht tatsaechlich nur Bahnhof. Aber ich muss ihn heute auch mal loben. Er hat ein geiles Hotel ausgesucht!

Gute Nacht!

Tee ist estnisch fuer Strasse/ Weg

Heute durfte ich mal vorne fahren. Das war leider nur semi-erfolgreich. Dann ist SU vorgefahren. War auch nix. Unser SCHoenes, EIgentlich fuer paSSionierte Offroad-DRiver entwickeltes Navi fuehrt uns um ECKen, die nicht mal die Taxifahrer kennen. Eine ganze Stunde brauchen wir, um aus Riga herauszukommen. Ein sichtlich aufgeregter SU flucht unter seinem Helm und benutzt dabei Worte, die ich hier gar nicht wiedergeben kann. Ich mag das Navi! Es wird uns noch viel Spass machen heute.

Auf dem Weg nach Estland fahren wir nur 17km an Limbazi vorbei. Dort macht sich mein Sohn Lennard mit seiner Schulreisegruppe fast zeitgleich auf den Weg zum Flughafen in Riga. Zu einem „Fly By“ kommt es leider nicht.

Kaum in Estland ist das gute Wetter angeschaltet. Wir machen Stopp an einer Tankstelle mit Imbiss und bekommen kurz darauf Besuch von 3 MoFaFahrern aus Norddeutschland. Was ein Zufall.

10km weiter noerdlich biegen wir nach Nordwesten ab, um das Abenteuer zu suchen.

Und das Beste, es sind oeffentliche Strassen. Wenn man nicht aufpasst, landet man sogar unfreiwillig dort. Wegweiser fuehren den Suchenden auch ueber Wege, die einen loechrigen Waldweg wie eine mehrspurige Autobahn erscheinen lassen.

In diesen Waeldern, an diesen „Strassen“ findet man Haeuser, dass man nur staunen kann. Oder man macht spontan eine „Tee-Party“. So wie wir.

Nach gut 9h/ 450km kommen wir in Tallinn an. Wie in Riga, ist auch hier der Verkehr kurz vor dem Infarkt. Die 30min durch Tallinn ziehen sich wie Gummi und sind anstrengender als die 8:30h davor. An einer Ampel werden wir von einem aelteren Autofahrer angesprochen. Er moechte, dass wir ihn vorlassen. Kein Problem, bitteschoen. Aber er bleibt auf seiner Spur. Bei der erneuten Kontakaufnahme des Ureinwohners mit uns fuchtelt er mit den Armen herum und scheint sich fuer das Ziel unserer Reise zu interessieren. Die Antwort versteht er jedoch nicht. Er schlussfolgert, wir muessten nach Stockholm. Ampel wieder gruen, er faehrt weg. Und er faengt an uns einzuwinken. Sobald die Distanz zu ihm zu gross wird, haelt er mitten im dicksten Verkehr mit Warnblinkern an und wartet auf uns. An einer Ampel springt er aus dem Auto und deutet uns  den Weg, da er anscheinend in die andere Richtung weiterfahren muss. Glueck gehabt. Wir hatten schon befuerchtet, er wuerde uns auf’s Schiff bringen und dem Steward sagen, dass er sich um die beiden alleinreisenden Kinder kuemmern solle.

Das Highlight des Tages war der Offroad-Part.  Aber viel erzaehlen kann man darueber nicht. Also melde ich uns fuer heute ab.

Gute Nacht!

Um die Ostsee ist durch die Ostsee

Zwischen Tilsit und Riga ist die Ostsee nur wenige Zentimeter tief und heisst Litauen, im noerdlichen Teil Lettland. Man schaut mit dem Motorrad oben aus dem Wasser heraus. Wir haben nur einen weiteren Luftatmer getroffen. Alle anderen waren schlau und haben das Auto genommen.

 
Litauen haben wir leider nur durch die verregnete Scheibe gesehen.

36018G30KT 2400 +RA BR OVC015 11/11 TEMPO 500 -RA

 
Die LKW haben bis zu 4m hohe Spritzwasserfontaenen mit sich gezogen. Surfer wuerden es „white tube“ nennen. Anders als Surfer mussten wir die Wellen allerdings im 90-Grad Winkel zur Bewegungsrichtung nehmen, was die Verweildauer im „Green Room“ extrem verkuerzt hat.

Aber auch das Kreuzen vor dem Wind konnten wir ausgiebig ueben. Bei 10 Grad Schraeglage leuchtet die erste von drei Stufen meines Kurvenlichts auf. Ich denke, sie ist heute nicht ausgegangen, zumindest nicht bei Geradeausfahrt. Es ging nur geradeaus.

Ich habe 5 Sturmhauben, 2 Buffs und 1 Kragen dabei. Davon habe ich 2 T-Shirts, 1 Unterhemd, 1 Kragen, 2 Buffs und 4 Sturmhauben im Regen abgearbeitet.

Nach knapp 05:30h im Dauerregen bei 11 Grad ist das Hemdchen durch, obwohl wir beide im Wurstsaitling unterwegs waren. SU ist natuerlich trocken geblieben. Wie soll’s auch anders sein?

Dafuer werden wir entschaedigt. In Riga erwartet uns eine warme Dusche in einem tollen alten Hotel.
Doch bevor wir in die Stadt marschieren, schrauben wir auf dem nahe gelegenen video-ueberwachten Parkplatz schnell noch unsere GPS-Geraete ab. Diesen Moment nutzt der Platzwaechter, um uns aus dem Hinterhalt an die Gurgel zu gehen. Die Taschenlampe an der Kehle waegen wir unsere Optionen ab. Die junge Dame an der Rezeption hatte uns doch hierher geschickt, oder? Was sie uns verschwiegen hatte, war die Sieben. Das naemlich waere der Schluessel zur gewaltlosen Kommunikation gewesen. Sieben ist die Nummer des Hotel-Stellplatzes. Aber mit einem exzellenten sprachgewandten Beschwichtigungsmanoever („Ey, watt willst du denn?“) koennen wir uns aus der Gefahr befreien. 5 Minuten spaeter scherzen wir mit dem Guard und er bietet uns an, den Parkplatz morgen durch die Luecke zwischen Zaun und Schranke zu verlassen. Dann brauchen wir nicht erst in der Zentrale anrufen. Naja, so sind wir ja auch auf den Platz gekommen.

Der Gang in die Altstadt erweist sich als erfolgreich. Nur wenige Meter vom Hotel entfernt faellt mir diese Matrioschka mit ihrer komplette Familie in die Arme.

Muss ich haben. Meine liebe Frau Jana hatte sich doch welche gewuenscht.

Weiter geht’s. Tolle Strassenbahnen haben die hier. Sehen irgendwie aus wie die Dinger in Schwerin in den Achtzigern. 😉

Es gibt auch viele neue. Und die sehen mindestens zwanzig Jahre juenger und moderner aus als die 2017er Modelle in Darmstadt.

In der Naehe vom Bahnhof findet SU ein Kino. Das waer‘ doch was. Einen schoenen Film gucken heute Abend. Er oeffnet die Tuer, ein Monitor begruesst uns, auf dem Werbung laeuft. Leute stehen herum und warten. Wir steigen die Treppe hoch und ich komme nicht umhin zu bemerken, dass das Kino einem deutschen Supermarkt verdammt aehnlich sieht. Ach, das ist tatsaechlich einer. Und die Leute? Ja die wollen nicht im Regen auf den Bus warten. So einfach ist das.

Das Kino ist um die Ecke!? Bestimmt nur so’n kleines Hinterhof-Kino! Weit gefehlt. Wie an der Anzeigetafel im Bahnhof stehen die Abfahrtzeiten der Filme dort aufgelistet. Im 10-Minuten Takt. Dann noch alles drei-sprachig. Wahnsinn. Wir entscheiden uns fuer „Seven Sisters“. Sehr sehenswert. Und wir lernen durch die Untertitel auch gleich noch Lettisch und wieder einmal mehr Russisch.

Motorradfahren macht schlau!

Gute Nacht.

Abenteuer ungeheuer

Wir sind in Russland! Der Grenzuebertritt war ein Abenteuer. Noch auf polnischer Seite mussten wir unsere Helme abziehen, Paesse und Fahrzeugpapiere vorzeigen. Den Inhalt der Koffer wollte die Dame mit dem netten Laecheln auch inspizieren. Und sie ahnte oder roch wohl, dass sich in den Gepaeckrollen unsere Waesche befand. Davon liess Sie wohlweislich die Finger. Aber kurz bevor wir weiterfuhren, wurde SU von links hinten von einer Flirtattacke erwischt. Hatte die Dame doch Gefallen an dem Juengling gefunden. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er der Wetterfee versprochen ist. Wir rollen zum naechsten Schlagbaum. Die Dame hier ist Russin und will nur die Visa sehen. Sein Charm versagt dieses Mal auf ganzer Linie. Schranke hoch, weiter. War ja einfach. Aber verdammt, da ist noch eine Station. Eine schwarz gelockte sibirische Mulattin mit russischer Grenztruppenuniform winkt uns mit ihrem Selfie-Stick mit angeklebtem Schminkspiegel zu sich. Ab da an ist der Spass vorbei. Stiiiiiiilgestannnden!!! Passport, Papiere! Aber zackig. Den Teleskopstab mit Spiegel schwingt sie dabei wie einen Schlagstock. Nebenbei bruellt sie noch einen Autofahrer an, der fast doppelt so hoch und breit ist wie sie, faltet ihn und zwingt ihn, sich mit seinem Auto wieder zurueck hinter die weisse Linie zu begeben. Dann geht sie um unsere Motorraeder herum, zeigt auf jede einzelne Tasche und stoesst nur „Open“, „Open“, „Open“ zwischen ihren Zaehnen hervor. „Sir, jawohl Sir!“ Als sie misstrauisch um mein MoFa wandert, zeigt sie auf meine Zelttasche und fragt auf deutsch: „Was ist das?“. Ich antworte auf englisch: „Tent“. Sie quittiert das mit einem russischen: „Xoroscho“. Beide nix dazu gelernt. Alles gut. SU’s Puls ist am oberen Limit der nur dreistelligen Anzeige angekommen. Meine Tabletten wirken, Puls ist stabil. Dann schnell noch Zollerklaerung und andere Papiere ausgefuellt. Und schon geht’s weiter. Noch eine Schranke. Dann endlich in Russland. Schnell weg, bevor sie es sich anders ueberlegen. Pause an der 500m entfernten Tankstelle. Ich tausche die Landkarten aus, wir besprechen die weitere Route und wie hier wohl Super95 heisst. Und endlich weiss ich, wie man richtig tankt!

Hinten rechts anheben. Und schon laeuft nichts mehr raus. Genial. Haette ich auch selbst drauf kommen koennen.

Bei einer weiteren kurzen Pause am Strassenrand stellen wir erstaunt fest, dass man anscheinend nur lang genug sitzen muss, um ein Ei zu legen. In diesem Fall ist das Ei ein Apfel. Der Kerl erstaunt mich immer wieder.Dann geht die Reise weiter nach Tilsit, heisst jetzt Sovetsk. Wir checken bei Tamara ein, die ein Gesicht macht, als wuerde sie SU gleich verpruegeln wollen. Das Hotel sieht von aussen wie der Sieger des Wettbewerbs VEB des Jahres 1972 aus. Die Frage nach einem Parkplatz werden wir gleich bereuen. Man schickt uns um das Haus herum in den Hinterhof. Das haetten wir besser nicht gesehen. Der Hof sieht nicht sehr Vertrauen erweckend aus. Aber unsere MoFas stehen hinter einem Zaun und sind dauerbeleuchtet.

Nachdem das Gepaeck auf den Zimmern verstaut ist, fahren wir schnell nach Ragnit, heisst jetzt Neman und suchen auf dem nahe gelegenen riesigen Friedhof nach deutschen Graebern, werden aber nicht fuendig. Dort hat die Familie meiner Grossmutter bis zur Flucht gelebt. Das Haus steht noch, ist aber nicht mehr bewohnt. Ein sehr emotionaler Moment fuer mich. Ohne Krieg waer’s besser gewesen. Aber dann haette ich heute nicht dagestanden.

Zurueck im Hotel, machen wir uns frisch und besuchen die ans Hotel angebaute Pizzeria. Maria, unsere Bedienung, ist noch sehr jung und spricht quasi kein englisch. Die Speisekarte ist komplett auf russisch.

Nachdem wir Maria klar gemacht haben, dass wir fuer die Wahl der Speisen etwas Zeit brauchen, verlaesst sie uns. Und wir studieren die Karte. Die Worte formen sich gerade zu Pizzen und Belaegen, da faengt SU an, den Spass zu verderben und googelt die Zutaten. Ich hab’s mir dann aber nicht nehmen lassen, Maria doch danach zu fragen, was dieses oder jenes sei, um die Erklaerung zu hoeren. Ausserdem wollte ich mit meinen Sprachkenntnissen angeben. Ging leider daneben. Also musste SU als Opfer herhalten. Waehrend er kaute, konnte er nicht erzaehlen. In dieser Zeit habe ich ihm Russisch beigebracht. Hat zwar nichts gebracht. Aber wir haben beide unser Bestes gegeben.

 
Ab auf’s Zimmer. Bereit fuer’s naechste Abenteuer. Original Text SU:

Ich saß nichtsahnend im Flur. Warum? Weil mein iPhone nur Wlan hat, wenn ich es rechts neben der Tür senkrecht an die Wand halte. Also habe ich mir den Stuhl genommen und hab mich dorthin gesetzt. Ich bin so beim Hotelbuchen für morgen, da schaut mich aus dem Bad (Licht war an), um die Ecke eine kleine Maus an. Ich guck, sie guckt, sie macht kehrt und ist wieder weg. Wahrscheinlich hinter dem Klo vorgekommen. Da ist ein Loch in den Fliesen um das Abflussrohr. Jetzt habe ich die Badtür geschlossen und das Handtuch in die Ritze geklemmt. Bin hoffentlich nun sicher.

 
Morgen ist Badetag. Da haben wir eine Unterwassertour geplant. Laut Wettervorhersage soll es 28mm Regen geben, verteilt ueber den Tag. Daher haben wir uns entschieden, Riga auf dem kuerzesten Weg anzufahren und die Detour entlang der Kueste zu canceln. Das Tagespensum sinkt dadurch von circa 600 auf 300km.

Gute Nacht

Heute mal etwas ruhiger

Unser zertifizierter Wetterbeobachter und promovierter Diplom-Meteorologe* hat heute morgen um 07:00 eine Lufttemperatur von 6,0 Grad Celcius gemessen und bestaetigt. Waehrend der Nacht wurden keine weiteren Daten erhoben.

Die Nacht war klar und kalt. Aber der Schlafsack war warm. Und zur Not haette man auch in den Schlafsack hineinkriechen koennen. 

Um puenktlich vor der Oeffnung des Platzrestaurants Taverna abzureisen, war die Nacht allerdings um 06:30 zu Ende.

Die Bedienung war schon da und schaute uns wehleidig hinterher, als wir unter der Schranke in die Freiheit entschwanden. Als heutiges Etappenziel war Gdansk ausgewaehlt worden.

Zum Glueck stand heute nur Landstrasse auf dem Programm. Allerdings haben wir vom Pleistozaen bis zur Neuzeit der Strassenbauentwicklung wirklich alles erleben duerfen, was die Geschichtsschreibung zu bieten hat. Strassen, wie nur die Natur sie erschaffen kann. In Millionen Jahren aus dem fluessigen Kern der Erde an die Oberflaeche gedraengt, um dort an der Luft abzukuehlen und eine edle Patina zu bilden, die wir Asphalt nennen. Ein Teil dieser Strassen hatte anscheinend noch nicht genuegend Zeit, um durch die Einwirkung von Wind, Wasser und Reifengummi die endgueltige Oberflaechenveredelung aufzubauen. Und so ergab es sich, das der Strassenbelag munter wechselte. Eben noch topfeben und edel wie das Parkett auf der Radrennbahn. Und im naechsten Moment 5cm tiefer ohne jeglichen Belag. Mal war’s Schotter, mal Sand. Gewarnt wurde davor allerdings nie. Aber zum Glueck faehrt das Auge ja mit. Ich hatte jedenfalls meine Daempfung den ganzen Tag auf Offroad eingestellt.

Nach 09:45 / 455km waren wir dann endlich fertig. Den angepeilten Schnitt von 60km/h konnte wir mit ca 65km/h nur knapp behaupten. Wer nachrechnet, wit schnell feststellen, dass da 02:45 fehlen. Stimmt. Wir haben getroedelt, haeufig an Baustellenampeln rumgelungert und uebermaessig viele Pausen gemacht. Das muss aufhoeren.

Auf Anweisung von SU „Wettergott“ haben wir in Erwartung naechtlicher Regenfaelle eine befestigte Unterkunft aufgesucht. Wir schlafen heute Nacht im „Aqua Sport Hotel“, Sopot. Das liegt direkt neben Gdansk.

 

Dieses Mal waren wir rechtzeitig fertig, um das hauseigene Restaurant vor Schliessung zu besuchen. Da dort aber nur Kinderportionen gereicht wurden, liefen wir schnell noch in die Innenstadt. Deja-vu. Waren aber nur 2,5km. Der Rueckweg war etwas beschwerlicher, da wir unsere Ballasttanks gefuellt hatten. Ausserdem ging’s zurueck bergauf. Und SU hatte auch noch mit einem Glaeschen Wein gesprochen. Der wird sicher gut schlafen heute. Aber es hat sich gelohnt. Tatsaechlich. Die Innenstadt ist wirklich beeindruckend.

Gute Nacht.

* (KTM Bordcomputer mit Aussentemperaturmessfuehlereinheit)

Off we go

Es hat sich ausgezahlt, dass ich SU an die Wetterfee verkauft habe und er sich hingebungsvoll und willenlos ihren Wuenschen gebeugt hat. Ab EDDE war das Wetter wirklich sehr bemerkenswert. Rechts neben uns dunkle Wolken, links neben uns dunkle Wolken, vor und ueber uns ein Wolkenloch. Und hinter uns dann wieder eine geschlossene Wolkendecke. Ich weiss nicht, wie der Kerl das macht.

Nach 09:15 / 750km sind wir in Szczecin auf dem ersten Campingplatz der Tour angekommen. Nach nur 15min hatten wir dann auch endlich ein freies Plaetzchen gefunden.

Und knapp eine Stunde spaeter waren wir umgezogen und ausgehfein. Das Platzrestaurant Taverna hatte inzwischen geschlossen. War ja auch schon 19:00.

Aber der Ort ist ja nicht weit weg. Und wir haben den ganzen Tag nur rumgesessen. Los geht’s, Broetchen fuer morgen frueh im Supermarkt kaufen. Die Stunden vergehen, und wir sind immernoch nicht angekommen. Huch, da ist er ja, war’n nur 4km. Zurueck dann auch noch mal 4km. Macht in Summe ACHT KILOMETER. Das KILO kommt uebrigens nicht von ungefaehr. 4 Broetchen, 2 Nescafe, 6 Minipaecken Marmelade und 1xAutan. Voller Erfolg!

Bevor wir uns auf den beschwerlichen Rueckmarsch machen, schauen wir noch beim Asia-Imbiss vorbei. Keiner spricht Englisch, wir dafuer kein Polnisch. Passt. Katze bestellt, Hund bekommen. Passt. Nein, war ganz lecker und unschlagbar guenstig. Dafuer gibt’s in Deutschland nicht mal das Spuelwasser.

Jetzt geht’s in die inzwischen mit Tau bedeckten Zelte. Temperatur im Moment 11 Grad (ueber Null). Mal sehen wie kalt es wird. Der Himmel ist sternenklar.

Gute Nacht!