Ungefaehr vielleicht

Wer sich darueber gewundert hat, dass die Texte im gestrigen Blog immer kuerzer wurden, dem sei gesagt, dass das Internet nicht hier erfunden wurde. Dafuer aber das Warten. Immer schoen ein Bit nach dem anderen, single file. Da ist es nicht verwunderlich, dass mein mobiles Blogging Endgeraet die exorbitanten Latenzzeiten immer wieder als Verbindungsabbrueche interpretiert hat und abgeschmiert ist. Koennte man zwischendurch ja auch mal speichern! Klar, kann man. Funktioniert aber leider nach dem gleichen Prinzip und war noch anfaelliger fuer totalen Datenverlust als das normale Arbeiten. Nach gefuehlt zehnmaligem Neuschreiben und Editieren des Beitrags und einer Investition von 3h hatte ich dann gegen 02:17 die Lust verloren und wollte nur noch schlafen. Die Stunde Zeitgewinn von der Faehre war dahin. Wir sind hier ja quasi mit deutscher Winterzeit unterwegs, eine Stunde hintendran. Da lohnt sich doch das Warten. Ich bitte das zu verzeihen.

Aber kommen wir zum heutigen Tag. Wenn man mit dem Motorrad moeglichst viele Hoehenmeter und gleichzeitig auch noch viele Kurven abarbeiten will, dann ist man zwischen Edinburgh und Aberdeen genau richtig. Trotz nur geringfuegiger Hoehendifferenz von Start- und Endpunkt unserer heutigen Etappe, haben wir gefuehlt mehr Hoehenmeter als nach Mercator auf die Karte projizierte Distanz ueberwunden. Und das liegt daran, dass die Strassen hier jeder Bodenwelle der Landschaft folgen. Und wenn es mal droht zu lange auf dem gleichen Niveau zu verweilen, dann wurde einfach kuenstlich eine Senke angelegt, um einen moeglichst natuerlichen Strassenverlauf zu simulieren. So kommen dann schnell mal 4000 Hoehenmeter zusammen.

Kurven hat das Navigationsgeraet auf den ersten 100km nur in Form von Kreisverkehren ausgegeben. Und diese Roundabouts wurden uebrigens nicht, wie von mir bisher angenommen, von den Franzosen erfunden. Nein, das waren die Briten. Leider hat der Ausdruck „round about“ mehr als nur eine Bedeutung. Zum einen handelt es sich um den bekannten Kreisverkehr, aber auch „ungefaehr“ bietet sich als durchaus passende Uebersetzung an. Die Strasse fuehrt ungefaehr nach Aberdeen. Man faehrt also ungefaehr geradeaus, oder aber auch ungefaehr um die Kurve. Es ist zum Heulen.

Eine aehnliche Verwechslung scheint auch die Ursache dafuer zu sein, dass auf der Insel nur Falschfahrer unterwegs sind. Der erste Mensch, der hier jemals damit beauftragt wurde, ein Strassenverkehrsschild zu installieren, litt entweder unter einer Links-Rechts-Schwaeche oder hatte nur UNGEFAEHRE Angaben zur Positionierung des Schildes. Und jetzt haben wir den Salat. Fuer eine Nachbesserung ist es zu spaet, die Garantie abgelaufen. Aber zum Glueck ist das hier wie Fliegen im oder oberhalb des Transitionlevel. Alle sind mit dem gleichen Fehler unterwegs. Und dann ist es auch schon wieder egal.

Und da gibt es noch einen Mythos, den es aufzuklaeren gibt. Schloesser wurden nicht von ABUS erfunden. Auch dafuer sind die Briten verantwortlich. Hinter jeder Ecke lauert ein neues Schloss oder eine Burg. Bei zwei habe ich aufgehoert zu zaehlen.

Immerzu nur rennen. Ich dachte, wir waeren zum MoFaFahren hier. Und warum muessen die Dinger immer auf‘m Berg stehen?

Und noch etwas gibt es hier im Ueberfluss … Schafe! Aber gemaess der allgemeinen Erwartung, sind die Schafe doch in Irland erfunden worden. Hier haben die Briten einfach nur IHR Schaf geklont. Dass es hinterher Probleme mit der Registrierung und Verwaltung geben wuerde, hat wohl niemand bedacht. Sehen ja auch alle identisch aus.

Zur groben Unterscheidung werden die maennlichen Tiere blau, die weiblichen Tiere rosa markiert. Das wirft allerdings die Frage auf, ob Schafe hier in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben (duerfen). Wir haben naemlich, bis auf wenige Ausnahmen, nur „einfarbige“ Populationen gesehen. Ausserdem gibt es neben blau und rosa auch noch andere Farben, zum BeIspiel gelb und gruen. Aber die Erklearung ist genauso einfach wie genial. Dabei handelt es sich um Transgender-Schafe. Die unterschiedlichen Farben fuer die Tiere ergeben sich aus ihrem urspruenglichen Geschlecht vor der Hormontherapie. Und dann waeren da noch die schwarzen Schafe. Dabei handelt es sich um Aussaetzige, Outlaws, Randfiguren der Gesellschaft, Kriminelle. Ueblicherweise werden sie getrennt von den anderen in gesondert gesicherten correctional facilities untergebracht. Der Zugang ist streng ueberwacht. Immer wieder aber findet man einige dieser schwarzen Schafe auch in ganz normalen Populationen. Das sind Resozialisierungsmassnahmen, die bisher mit unterschiedlichsten Erfolgen durchgefuehrt wurden. Fuer eine langfristige Prognose zum Ueberleben dieses weltweit einmaligen Pilot-Projektes ist es zum jetzigen Zeitpunkt aber leider noch zu frueh.

PS: Beim Versuch, das gruppendynamische Verhalten mit SU’s Drohne zu dokumentieren, war die Herde leider unerwartet, dafuer aber sehr dynamisch vor der Bedrohung gefluechtet. Da die Erde aufgrund unserer Perspektive, wir standen unterhalb der Schafe, hinter dem Huegel zu Ende war, gingen wir zunaechst davon aus, dass alle Tiere am Rand heruntergefallen waren. Es war totenstill. Aber nur circa fuenf Minuten spaeter standen alle Tiere mit geloeschtem Kurzzeitspeicher wieder an ihren Plaetzen, als waere nichrs passiert. Creepy! Niemand wurde verletzt, Verhaltensstoerungen konnten nicht nachgewiesen werden. Und es waren genauso viele Tiere wie vor dem Event. Wir haben nachgezaehlt, ungefaehr.

Aberdeen ist im Vergleich zu Edinburgh nur wenig attraktiv. Um nicht zu sagen haesslich. Bei unserem Ausflug zum Diner in die Innenstadt zeigt uns Ranjit, unser pakistanischer Taxifahrer, beim zweimaligen Umrunden des Stadtkerns, den kuerzesten Weg. Das Restaurant setzt uns wegen fehlender Reservierung gleich wieder vor die Tuer. Und wir sind hungrig. Uns ist kalt. Wir sind allein. Wir sind in einem fremden Land. besser gesagt, wir wissen gar nicht, wo wir sind. Aber wir geben nicht auf. Wir finden ein neues Restaurant, dessen man uns auch sofort wieder verweisen will. Aber SU laechelt charmant den Platzanweiser an, der uns daraufhin den Weg in den versteckt liegenden geheimen Geheimraum hinter dem Tresen weist. Wir haben es geschafft, wir gehoeren dazu. Wir sind im Kreis des Vertrauens angelangt. Wir sind quasi Einheimische. Allerdings stroemen die einheimischen Einheimischen durch den Haupteingang des Geheimraumes herein, der auf der anderen Seite des Hause liegt. Und nicht so wie wir, durch den Postboteneingang. Welch eine Schmach. Wir sind weiter von sozialer Akzeptanz entfernt als am Tag unserer Abreise in Mittelhessen. Aber das Essen ist lecker. Und wir sind nicht nachtragend. 60min spaeter rollen wir mit gefuellten Baeuchen durch den Haupteingang hinaus. Wir sind wieder obenauf.

Mit unserer frisch zurueckerlangten sozialen Identitaet machen wir uns auf einen Fussmarsch in die City, um zu sehen, ob Aberdeen auch schoene Seiten hat. Unterwegs kaufen wir noch ein paar Kleinigkeiten fuer das Familipicknick ein. Als wir wieder aus dem Supermarkt herauskommen, ist die Sonne untergegangen. Und Aberdeen ist schoen geworden. Nachdem das geklaert ist, marschieren wir zum naechsten Taxistand und steigen zu Marcy in‘s Taxi. „Ah, you‘ve been doing some shopping!?“ Nein wir sind nicht auf Hochzeitsreise. Wir sind zu dritt, Maenner, verheiratet. Da ist nix dabei! „Ah, so where do you want to go?“ Adresse rausgekramt, angesagt. Marcy hat leider kein Navi und kramt in ihrem Gedaechtnis. Zur Erklaerung schieben wir noch „It‘s a B&B (bed and breakfast)“ hinterher. Die Antwort ist deutlich: „Ah, it’s the one with the massive pink front door. Barbie pink. I know it by the door!“ wir nicken lautlos. Was soll man dazu noch sagen? Dass mir ein Vogel auf die Schulter geschi…. hat, ist dann auch egal.

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