Therapeutischer Abschlussbericht

Der letzte Morgen. Die Reise endet, wo sie begonnen hat. Im Ehebett mit SU. Meine Augen brennen.

Obwohl es mein Wecker war, der uns sanft aus Orpheus´ Faengen befreit, gewinnt SU das Rennen zur Wasserstelle. Egoistisch duscht er den kompletten Frischwassertank leer. Das geht ja gut los. Als ich dann ins Bad komme, herrscht IMC mit Sichtweiten unter 5cm. Einen Spiegel gibt es nicht mehr. Die silberbedampfte Rueckseite hat sich in Luft aufgeloest. Dafuer kann man jetzt durch die klare Scheibe in das dahinterliegende „Spanner“-Zimmer schauen. Wie bei der ersten Ueberfahrt auch, sind wir vor allen anderen aufgestanden, um uns am Fruehstuecksbuffet nicht in den wogenden Menschenmassen zu verlieren. Selbst der Kapitaen schlaeft noch. Am Fruehstueckssaal werden wir abgewiesen. Commodore-Passagiere werden ein Deck hoeher im Bistro verkoestigt. Startzeit 07:30. Toll. Das geht ja gut los. Also warten wir noch mal 30min.

Dann oeffnen sich die Tueren zum Paradies. Ein tolles Buffet, viel zu wenige Menschen fuer viel zu viele Tische. Jeder kann einen Fensterplatz haben. Prima. Aber ich habe mich zu frueh gefreut. SU brennt das Paradies nieder, indem er mir in aller Ruhe den kochend heissen Kaffee nicht in die Tasse, sondern ueber meine Hand giesst. Da waechst jetzt nix mehr. Kein Epilierer dieser Welt koennte nachhaltiger arbeiten. Danach verplempert er noch einen halben Liter des schwarzen Goldes auf seiner Untertasse und der schneeweissen Tischdecke. Mit geballter Faust streiche ich ihm zaertlich ueber´s offene Haar. Das nennt man „positive stroking“. Den blauen Fleck gibt es gratis dazu. Der ist leider nicht nachhaltig.

Im Angesicht dieser Privatpatienten-Behandlung frage ich mich natuerlich, ob wir uns beim gestrigen Abendessen unnoetiger Weise in Gefahr fuer Leib und Leben begeben und mit der Menge gespeist haben. Und wie war das auf der Hinfahrt? Ein dunkler Schatten senkt sich ueber die gesamte Reise. Haben wir unwissend auf Sonderbehandlung „verzichtet“?

Beim Verlassen der Faehre bummelt SB wieder einmal herum. Waehrend SU schon in voller Montur zum MoFa stapft, marschiert unser SB ganz locker, noch in Fruehstuecksgarderobe gekleidet, auf das Sonnendeck, um das Anlegemanoever an der frischen Luft zu geniessen. Ich geh´ mal mit. Aus der 9ten Etage sehen wir, dass SB´s Kaffee von der Hinfahrt immer noch im Hafenbecken lebt. Nachdem wir das Boot ganz sanft an der Kaimauer eingeparkt haben, verlasse ich den Logenplatz, um mich auch zum MoFa zu begeben. SB verschwindet aus meinem Blickfeld. Eine Ewigkeit spaeter, alle Mopeten sind schon abgeleint, kommt er in aller Seelenruhe auch auf dem Parkdeck vorbei und bereitet seine BMW fuer die Abreise vor. SU hat seine Kasko-Erbse (Helm) schon seit genau dieser Ewigkeit am Kopf. Ich glaube, er schwitzt etwas darunter. Dann ueben alle, die MoFa´s an und wieder aus zu machen . Klappt. Moment, SB hat gefehlt. Gleich noch mal! Wer sagt´s denn? Schnell noch die Lenker von Links- auf Rechtsverkehr umbauen. Wir koennen von Bord.

In Holland ist Sommer. Und wir merken sofort, dass uns ueber Nacht nicht nur eine Stunde Lebenszeit geklaut wurde. Die Uhren wurden vorgestellt. Wir sind dem Aequator ein erhebliches Stueck naeher gekommen. Es ist tropisch warm. Die Quecksilbersaeule selbst schwitzt bei 19 Grad ueber Null. Wir fahren ohne Unterwaesche, nur in Lack und Leder! Das wird sich spaeter leider auch nicht als ideale Loesung erweisen. Besser waere der Griff zum Schottenrock gewesen. Denn die Temperaturen werden noch weiter ansteigen!

Wir bummeln auf der hollaendischen Autobahn Richtung Heimat. Und kaum, dass wir in Deutschland sind, gibt es nur noch Digital-Fahrer. Am Kreuz Oberhausen versuchen SU und SB wieder, sich davonzuschleichen. Sie hupen wie wild, um sich zu verabschieden. Nur meiner Aufmerksamkeit, ich fahre vorweg, ist es zu verdanken, dass die Gruppe nicht zum wiederholten male auseinandergerissen wird. Glueck gehabt. Zwischen Duisburg und Leverkusen machen wir an einer Raststaette Pause. Neben uns sitzt eine Familie mit kleinem Kind, ca 2 Jahre alt. Der kleine Sebastian spielt auf dem anliegenden Kletterspielplatz und macht jede Menge dummes Zeug. Das fuehrt leider dazu, dass staendig dieser Name faellt. Oh Mann. Wie soll ich das bloss aushalten? Sebastian hier, Sebastian da! Und der Kerl kann ueberhaupt nicht hoeren. Dafuer zuckt SU bei jeder Ermahnung zusammen. Das koennte allerdings auch daran liegen, dass Mama nur circa 10cm von seinem Ohr entfernt ihre Befehle und anerkennenden Ausrufe des Erstaunens in das Megafon bruellt. Sein Ohr ist schon ganz nass! Hier, hast´n Tuch zum Abwischen.

SB hat derweil ganz andere Probleme. Er versucht mit etwas Kettenreiniger den Geschmack von Scheisshausfliege von seiner Zunge zu spuelen. In seiner Goulaschsuppe con carne hat er leider neben dem vorgesehenen Fleisch noch eine Pferdebremse und eine gruenlich schimmernde Fliege mit Borsten auf dem Ruecken gefunden. Es handelt sich dabei um eine Schmeissfliege (Calliphoridae) der Gattung Lucilia. Aber ich glaube, diese Information ist fuer ihn im Moment wenig relevant. Beide Insekten sind aber nicht er kuerzlich in der Suppe „aufgetaucht“. Man sieht den sterblichen Huellen an, dass diese beiden schon gut durchgeschmort sind. Als Reparationsleistung erhaelt SB neben seinem Geld auch noch ein Taesschen Cappuccino. Aufgrund der vorhergegangenen Kontamination schmeckt dieser allerdings wie S100 Kettenreiniger. Wobei erwaehnt werden muss, dass S100 immer zu den Testsiegern gehoert. Er kann sich also im Grunde genommen gar nicht beschweren.

Kurz vor Frankfurt machen wir noch einen kurzen Stopp, um uns zu versichern, dass wir Helden sind und diese Fahrt einer Erleuchtung gleich kam. Dann verabschieden wir SB und sehen ihn wahrscheinlich nie wieder. Schluchz. Und dann wird es ernst. Der Stau ist unausweichlich. Wir stuerzen uns ins Kriegsgetuemmel auf der Autobahn und umfahren die ersten 20km gekonnt. Ab dem Frankfurter Kreuz gehoeren wir allerdings wieder zu den Protagonisten und muehen uns auf der fuer Motorradfahrer erst kuerzlich etablierten Rettungsgasse vorsichtig vorwaerts. Beim Verlassen der Faehre am morgen hatten wir unseren Frauen eine ETA von 17:00 gegeben. Um 16:59 fahre ich auf den Hof. SU eine Minute spaeter, also Punkt 17:00 auf seinen. Wir sind Helden! Also jetzt schon zum zweiten Mal. Die Geschichte wird sich an uns erinnern.

Rueckblickend betrachtet muss man sagen, dass wir wieder viel gelernt haben. Die Schotten sind unglaublich motorradfreundlich. Immer wieder haben wir Schilder am Strassenrand gesehen, die die Autofahrer dazu ermahnt haben, Motorradfahrer ueberholen zu lassen! Das Wetter in Schottland ist gar nicht so schlecht, wie man immer denkt. Zumindest dann nicht, wenn man einen SU dabei hat. Der hat in diesem Zusammenhang mal wieder sehr gute Arbeit geleistet. Auch wenn er bei der Wahl der Unterkuenfte nicht immer das gluecklichste Haendchen bewiesen hat. Allerdings muss man zu seiner Verteidigung sagen, dass wir durchaus anstrengende und sehr kritische Mitreisende waren. Schotten, so sie denn nicht Triumph fahren oder gefahren sind, sind sehr nette Menschen. Sie kommen sehr schnell ins Gespraech und geben sich wirklich Muehe, Englisch zu sprechen. Und wenn man nur lange genug durch das Land reist, dann kommt einem die Sprache vor, als waere es Deutsch. So passiert zum Beispiel im Restaurant in Stirling. Und ich glaube es klang nach Frankfurter Dialekt. Die Welt ist klein. Und deshalb sind wir auch schon nach sieben Tagen wieder zu Hause.

Gruppentherapeutische Zusammenfassung :

SB hat ein wenig zu viel gebummelt. Therapeutische Empfehlung: mehr Motorrad fahren!

SU hat ein wenig zu wenig gebummelt. Therapeutische Empfehlung: mehr Motorrad fahren!

SN hat alles richtig gemacht und eignet sich als hervorragendes Beispiel fuer weitere gruppentherapeutische Motorradtouren.

Vielen Dank fuer´s Mitlesen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu