Wieviele Gaenge braucht der Mensch

Jeden Abend verspricht SU, dass morgen das Wetter toll wird. Und wie alle letzten Tage beginnt auch dieser mit einem zweistuendigen Waschgang. Dumm nur, dass irgendjemand immer wieder auf’s Neue den Startknopf drueckt. Das schmeckt mir nicht. Scheibenreinigerzusatz ist ekelig und sicher nicht gesund. Weichspueler ist zum Glueck nicht dabei. Meine Haut ist zart genug. Die Temperatur ist auf 10 Grad eingestellt, um die empfindlichen Materialien zu schonen. Wer fragt schon nach uns? Um Zeit zu sparen, wird die Trocknung in Form heftiger Windboen zeitgleich eingeschaltet. Der Ansatz ist durchaus verstaendlich, in diesem speziellen Spezialfall aber wenig zielfuehrend.

Apropos Zielfuehrung, ich habe SU gewarnt. Aber er hat unsere Navigationsanlage (Inge) pausenlos weiter beschimpft. Das gefiel Inge gar nicht. Und das ist die Quittung.

5km durch den Wald, Sackgasse. Aber wenigstens gut beschildert.

Dafuer treffen wir auf dem Weg in diese landschaftlich schoene Sackgasse einen Waschbaeren. Wer’s nicht weiss, SU’s Frau Nadine hatte Auftrag erteilt, einen zu fotografieren. Nein, nicht mich, einen wild lebenden.

Liebevoll fuettert SU das Tier und gibt ihm einen Namen. Einen sehr schoenen sogar, wie ich finde. Ich traue mich gar nicht, ihm zu sagen, dass das kein Waschbaer sondern ein Dachs ist. Und schon gar nicht, dass er bereits tot ist. Wahrscheinlich totgefuettert von vorbeifahrenden Touristen. Es wuerde ihm das Herz brechen. Aber wir waren’s jedenfalls nicht.

Eine Stunde spaeter sitzen wir in einem romantischen Tankstellenrestaurant und waermen uns auf. Bei der Gelegenheit weinen wir kollektiv den Benzinpreisen aus Russland hinterher. Hatte ich schon erwaehnt, dass dort der Liter Super95 nur ca 55Cent gekostet hat? Ein Traum, und der ist jetzt leider vorbei. SU schaut traurig auf sein Handy und sieht sich das Wetter an. Sein Gesicht erhellt sich und er verkuendet freudestrahlend: „Ab jetzt wird’s super“. Ich schau aus dem Fenster auf das Wetter. 5km Sicht, Wolkenuntergrenze ca 309ft, leichter Regen, die Strasse ein Spiegel. „Jo“, sag ich. Passt. Weiter geht’s, und ich frage mich, wo er sich das Wetter angeschaut hat. Hawaii? Oder ahnt er etwas wegen des Waschbaeren? Ich sag’s ihm jedenfalls nicht.

Waehrend ich noch gruebele, wechselt der Strassenbelag von Asphalt zu Gemuese, nassem Gemuese. Die Piste hat Bundesstrassenausmasse und besteht aus verdichtetem Dreck. Durch den Regen hat sich eine Creme aus Schmierseife gebildet, liebevoll getopt mit Streifen von finnischem Schotter an einer Auswahl von lokalen Kraeutern. Nachdem ich sehe, wie SU durch die Creme schlingert, wechsele ich in meiner Wahl zwischen Pest und Cholera auf die schmalen Schotterstreifen. Auch kein Spass, aber meine bezahnten Reifen beissen sich durch, so gut sie koennen.

Circa 20km vor unserem heutigen Ziel Rauma, wird es endlich trocken. Von oben UND unten. Die Waschmaschine ist aus. Wir und unsere MoFa’s sehen aus wie durch den Schlamm gezogen. Keiner der Waschgaenge hat ein sichtbares Ergebnis hervorgebracht. Und fuer morgen sagt SU wieder super Wetter voraus. Ich hab die Nase voll von super Wetter. Ich will es trocken haben und die Sonne sehen.

Ab ins Hotel. Ich freu mich schon auf die Dusche. Aber da fehlt leider die Haelfte, oder?

Egal, ich brauch jetzt heisses Wasser. Alles ueber 0 Grad ist gut. Und eigentlich ist das Setup gar nicht so schlecht. Koennte MANN gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Meinem Duschbad haben die heutigen Wetterbedingunen auch nicht gefallen. Das Gel ist eiskalt und kommt nur kloetzchenweise aus der Flasche. SU freut sich derweil ueber ganz andere Sachen. Er findet naemlich kein grosses Handtuch und muss sich draussen auf dem Parkplatz trocken laufen, wie damals im Kindergarten zu DDR-Zeiten. Beim Abendessen erklaere ich ihm dann, dass „Flitzer“ in Finnland nix besonderes sind, da hier jeder in einer Sauna wohnt. Sein Einsatz war also umsonst. Zum Glueck hab ich’s nicht mit ansehen muessen. Und ausserdem liegt das grosse Handtuch auf dem Bett!

Er hat’s gefunden!

Die Finnen sind uebrigens, bis auf meinen Erstkontakt an der finnisch-russischen Grenze, sehr nette Menschen. Und sie haben die Ruhe weg. Hier rast keiner. In Helsinki, wunderbare Stadt uebrigens, fahren die Leute auf mehrspurigen Strassen 40km/h. Und warum? Weil das so dran steht, dachte ich zumindest. Aber inzwischen glaube ich zu wissen, dass es an der Sprache liegt. Sie besteht zu 90% aus Vokalen und Umlauten. Jedes Wort hat wenigstens eine Zweiergruppe von Vokalen. Und zum Zaehlen der As und Us braucht man halt etwas mehr Zeit.

Und die nehm ich mir jetzt auch, um mal etwas frueher ins Bett zu kommen.

Gute Nacht!

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