Objects in mirror are closer than they appear

Heute geht’s nach St.Petersburg, Russland. SU’s Puls ist daher schon am fruehen Morgen direkt mit seinem Drehzahlmesser gekoppelt, also permanent im roten Bereich.

Wir verlassen Viimsi [Vii•M•Si], den kleinen Vorort von Tallinn, bei 7 Grad in IMC. Die Ostsee hat uns zurueck. Obwohl es kaum regnet, gleicht die Schnellstrasse einem Meer aus Gischt. Das kann ja heiter werden. Und laut SU tut es das auch, aber erst ab der russischen Grenze. Ueber die kommt es angeblich nicht hinueber. Wir fluechten vor den dunklen Wolken, die aus Westen kommen. Als wir ca 10min Vorsprung herausgefahren haben, halten wir fuer eine kurze Pause und einen Kaffee an der Tankstelle. Vor der Tuer steht ein kleiner Mann mit Mundschutz. Komisch!

Erst mal tanken.

Kaum hab ich mein Motorrad auf die Seite geschoben, bin ich von einer Asiatin umzingelt, die ein Foto mit mir und dem Motorrad machen will. Und danach kommen noch alle ihre Freundinnen. Ich bin beliebt. SU leider nicht. Er steht hinter der Scheibe und schuettelt traurig mit dem Kopf. Zum Abschied schiesst Inge aus Taiwan noch ein Selfie mit meinem Handfunkgeraet, auf dem ich im Hintergrund noch immer von ihren Maedels festgehalten werde. Bei den Dreharbeiten wurde niemand verletzt.

Die Reise geht weiter. Birkenwaelder und Kiefernwaelder wechseln sich ab. Fur mich als Birkenpollenallergiker waere das nix. Neben den Pollen wohnt ja auch noch die Hexe Babajaga dort. Eine Weile spaeter sehen wir, wie am Straßenrand ein paar Arbeiter das Gestruepp und hohes Gras kuerzen. Dumm nur, dass sie dafuer keinen Rasenmaher haben. Die arbeiten doch tatsaechlich mit Rasentrimmern. Und sie haben zu dritt auch schon einen circa 150m langen und 10m breiten Streifen geschafft. Fuer mich als Rasenpollenallergiker waere das nix.

Um 11:30 Uhr kommen wir an der Grenze an. Es stehen auch nur wenige Fahrzeuge vor uns an der Border Station. Wir arbeiten uns langsam voran. Endlich zeigt die Ampel auch fuer uns gruenes Licht. Wir fahren an das Tor. Aber es geht nicht auf. Stattdessen kommt eine Riese an den Zaun und spricht zu uns durch das Gitter. „Sie muessen zurueckfahren zum Anfang des Ortes. Dort auf dem Warteplatz besorgen Sie sich ein rosa Formular.“

Na gut, weil er so nett gefragt hat. Dass er so gross ist, wie wir beide zusammen, hat nichts mit unserer Entscheidung zu tun. Wir fahren zurueck und besorgen das rosa Formular. Das Wetter kommt naeher. Mit dem rosa Formular gehen wir zum naechsten Haeuschen und erhalten … einen Zettel mit einer Nummer. Das ist also unser blaues Formular. Wieder auf die Wildschweine aufgesessen und zur Grenzstation geritten. Die Warteschlange hat sich inzwischen vollgefressen und ist mindestens 4 mal so lang wie bei unserem ersten Versuch. Aber es geht schnell. Nach etwa 20min ist die Ampel gruen und King Kong winkt uns durch. Das Wetter kann kommen. Wir stehen unter einem Dach. Bei Irina, 1,80m gross, Ende Zwanzig, genau SU’s Kragenweite. Sie kann sogar laecheln. Aber nur auf Knopfdruck. 5min und zwanzig Stempel spaeter ist die Schranke hoch.

Wir koennten fahren. Aber ich lasse mir, wie immer, Z•E•I•T. SU meint, das war’s jetzt. Ging ja schnell. Genau, von da an sind’s nur noch 1,5h. Wir fahren auf eine Bruecke im Niemandsland zwischen den Grenzstationen. Wir sind staatenlos, ohne Rechte, in einem rechtsfreien Raum. Hier herrscht das Gesetz des Staerkeren. Wir teilen uns erst mal zwei Cornys.

Es gibt keine Ueberdachung mehr, aber dafuer Regen! Toll. Hmm, hab ich mir anders vorgestellt. Gerade als ich meine Strassenkarte heraushole und neu falte, bewegt sich die Karawane weiter. Wieder mal den Pass zeigen. Und als Belohnung gibt’s zwei Formulare, die gruenen. Moment. Die kennen wir doch schon von der ersten Einreise. Einpacken, weiter geht’s. Da hinten kommt der naechste Schalter. Waehrend wir so anstehen, fuellen wir in der sengenden Sonne bei inzwischen 13 Grad die Formulare aus, die dieses Mal auf Russisch sind. Wir haben ja bei Kaliningrad schon mal geuebt. Noch bevor wir den ueberdachten Schalter erreichen, rollt zwei Spuren neben uns langsam ein Reisebus vor. Und darin sitzen die  kleinen Taiwanesinnen, die mich vor 2h so in ihr Herz geschlossen haben. Sie winken ganz freudig. Leider muss ich weiter, genau zwei Meter. Kurze Zeit spaeter trete ich freudestrahlend an den Schalter und gebe die ausgefuellten Formulare ab. Lydia blaettert durch meinen Pass und findet darin ein winziges Formular mit winzigen Kaestchen, das mit winzigen Buchstaben ausgefuellt werden will. Das muss mir der junge Mann an der letzten Schranke untergejubelt haben! Gelbes Formular auch noch ausfuellen. Fast fertig, nur noch schnell die Nummer vom Visum eintragen. Moment, den Pass mit dem Visum hat Lydia doch behalten. Ich turne also wieder zu ihr, waehrend SU schon zum naechsten Schalter wandert. Wieso ist der immer Erster? Aber dieses Mal hat er auch Pech, gerade als er Irina seinen Pass und die letzten Formulare am letzten Schalter durch’s Fenster reichen will, wird er von Igor aus der Schlange der Wartenden gerissen und zum Motorrad bugsiert. „Oткрытe!“ Igor, der eigentlich Michaela heisst und eine Frau ist, beaeugt argwoehnisch den Inhalt seiner Koffer. Genauso wie der Drogenhund findet aber auch sie nichts! Das gibt mir Zeit aufzuholen. Und siehe da, Asterix und Obelix sind am letzten Schalter wieder gleichauf. Allerdings reicht SU seinen Roman zuerst zum Lektorat durch Irinas Fenster. Sie ist auch ca 1,80m gross, Anfang 30 und mit Sicherheit die russische Zwillingsschwester von Irina auf der estnischen Seite. Im Vergleich zu Irina traegt Irina jedoch ein gruenes Uniformkostuemchen. Genau SU’s Kragenweite. Nur das hier der Knopf fuer’s Laecheln kaputt ist. Bevor er sich ernsthaft in eine verliebt, erklaere ich ihm schnell, dass diese beiden bestimmt ohne Anstrengung eine Melone zwischen ihren Beinen zerquetschen, weil sie taeglich 20km zu fuss zur Arbeit laufen. Das Problem ist geloest, wir fahren zu zweit weiter. Und es ist erst 14:00!

Wir sind wieder in Russland, endlich. SU hat Fragezeichen am Helm. Muessen wir Maut bezahlen? Er vertraut meiner Antwort nicht. Aber 500m weiter steht ein Auto der Rennleitung. Die beiden sind sehr nett und geben die richtige Antwort: „HET“. Uebrigens ist die Rennleitung im gesamten Baltikum sehr aktiv. Die nehmen sogar bei Starkregen und an Sonntagen die Rundenzeiten auf. Und Blitzer gibt es hier wie Sand am Meer. Wuerde niemand merken, wuerde man sich einen fuer zu Hause mitnehmen. Am besten haben mir die in Lettland gefallen. Die sehen aus wie ueberdimensionierte XBox360, in der Mitte talliert, oben und unten schoen abgerundet. Ich will auch so eine! Aber SU hat gesagt, wir haetten keinen Platz mehr. Spielverderber!

Das Fahren selbst macht viel Spass, ist aber nicht ganz ungefaehrlich. Die Strassen sind teilweise sehr abenteuerlich. Schlagloecher in denen man schwimmen gehen koennte stellen die Konzentration und den Gleichgewichtssinn gleichermassen auf die Probe.

Die sind wir dann aber doch nicht lang.

Die Russen fahren wirklich wie die … Hier ueberholt jeder jeden an jeder Stelle. Speedlimits werden hier nur gesetzt. Aufgehoben wird so gut wie nie. Also ist Interpolieren und Interpretieren gefragt. Das Anpassen an den Strom der Einheimischen ist schwierig, da es kein Muster gibt. Der Wille zu Ueberleben ist staerker als der Wunsch, sich an Speedlimits zu halten. Spaetestens dann, wenn der Blinker des nachfolgenden LKW nicht mehr komplett im Rueckspiegel zu sehen ist. Der Staerkere gewinnt. Das war wohl auch der Grund, warum wir in St.Petersburg heute 3 Unfaelle in kurzer Abfolge gesehen haben.

Nach 455km/ ca 09:00h, davon 02:30h an der Grenze, werden wir mit einem tollen Hotel belohnt. Guarded Facility hinter schweren Eisentoren, mitten im Wald, etwa 80km westlich von St.Petersburg.

An der Rezeption kann ich endlich mit meinem Russisch glaenzen. Und SU versteht tatsaechlich nur Bahnhof. Aber ich muss ihn heute auch mal loben. Er hat ein geiles Hotel ausgesucht!

Gute Nacht!

1 Kommentar

  1. Siehst du, nun wirst du als Selfie-Model in Taiwan berühmt. Du hättest dir noch etwas Werbung auf die Stirn kleben können, damit du externe Sponsoren für deinen nächsten Trip findest.
    Unrasiert und fern der Heimat… Ich habe Gritt vorgewarnt, dass ihr in 2 Tagen bei ihr aufschlagen werdet. Ich weiß nicht, ob sie euch reinlässt, wenn ihr nach Benzin und Schweiß müffelt. Vielleicht solltet ihr eure Kombis nicht ausziehen und draußen bei ihr im Garten schlafen…
    Ich bin so happy über mein Riesen-Pampasgras und hab‘ mir gestern Abend ein paar Wedel für meine Vase in meinem neuen Arbeitszimmer abgeschnitten. Jetzt sieht meine rechte Hand aus, als wäre ein Rasenmäher drübergefahren… übersät mit Schnittwunden. Die echte Gärtnerin braucht ja keine Handschuhe… aber die Blätter waren doch recht scharfkantig. Heute früh habe ich dann einarmig und mit links geduscht… naja, alles ist besser als mit 2 gebrochenen Armen zu duschen wie damals… Und mein Zimmer sieht jetzt echt klasse aus…
    Leo bekommt heute Nachmittag wieder Damenbesuch. Und Len ist schon wieder voll back im biz (Mathetest usw.).
    Das mit den schweren bewachten Türen und dem Zaun an eurem „Hotel“ kommt mir spanisch vor… bist du sicher, dass ihr nicht woanders gelandet seid? Nicht, dass sich die Türen von innen nicht mehr öffnen lassen… 😉
    Liebe Grüße auch an deinen unsichtbaren Begleiter SU. Wenn er wüsste, was du alles über ihn schreibst… hast du ihm die Blog-Adresse gegeben? Na Hauptsache, er sorgt für gutes Wetter!
    #balancingkidslifeworkandmyself#-JGE

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